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Von der Old Music Hall in der Fishamble Street zu Dublin, dem weißen Gebäude in der Mitte, ist heute nur noch die Eingangsfront erhalten. Dort eröffnete Händel am 23.12.1741 seine einzige irische Oratorensaison und beendete sie mit der Uraufführung des Messiah in der Karwoche 1742 (Aquarell von Pauline Scott).

Adventskalender Dublin 20.12.1741

Die Worte des Propheten Jesaia aus den Lesungen der Adventszeit hat Händel in seinem Messiah so anrührend vertont, dass sein berühmtestes Oratorium heute fast nur noch im Advent aufgeführt wird. Die Urafführung in Dublin fand aber in der Karwoche statt.

Vierter Advent in Dublin, 20.12.1741

Am vierten Advent 1741 rieb sich Georg Friedrich Händel in Dublin die Hände vor Vergnügen. Nur eine Woche war vergangen, seit er im Dublin Journal den Vorverkauf für seine erste irische Oratoriensaison angekündigt hatte. Die Tickets konnte man „in Mr. Handel’s house in Abbey-street near Lyffey-street, from 9 o’clock in the Morning till 2 in the Afternoon“ erwerben. Die wenigen Vorverkaufsstunden genügten, und schon waren alle sechs Aufführungen zwischen Weihnachten und Februar verkauft: 600 Tickets pro Vorstellung, ohne auch nur eine einzige Karte an der Abendkasse anbieten zu müssen, wie Händel stolz nach London meldete. Dublin nahm ihn mit offenen Armen, Herzen und Geldbörsen auf – eine Mischung ganz nach seinem Geschmack. Erst einen Monat war es her, dass er hier eingetroffen war, doch noch keine Sekunde hatte er es bereut. In der Fishamble-Street hatten die Iren gerade erst im Oktober ihre neue Musick-Hall eingeweiht. Nun war es an ihm zu zeigen, was in diesem Konzertsaal steckte: „The Musick sounds delightfully in this charming room.“ „Die Musik klingt wunderbar in diesem zauberhaften Raum.“ Die perfekte Akustik gab den Ausschlag für seine Oratorienspielzeit. Die hohe Qualität der Orchestermusiker („really excellent“) und die starken Stimmen der irischen Chorsänger („they do exceeding well“) taten ein Übriges, um den Meister in beste Arbeitslaune zu versetzen. Doch seine Trumpfkarte spielte er nicht gleich aus: Das geistliche Oratorium Messiah musste bis Ostern warten. Zuerst wollte er den Boden mit weltlichen Werken bereiten. 

Weihnachten mit John Milton

Am 23. Dezember begann Händel seine Dubliner Spielzeit mit L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato. – trotz des italienischen Titels die Vertonung zweier englischer Gedichte von John Milton. In den Gesängen des Allegro-Sanguinikers und des Penseroso-Melancholikers durften sich die Iren an Lobliedern auf Shakespeare und die Reize der Großstadt, auf die Nachtigall und einsame Nächte in der Natur erfreuen. Ganz im Sinne der Aufklärung bildet der moderate Charakter des ausgeglichenen Menschen die Versöhnung zwischen beiden Extremen. Dies gab Händel die Gelegenheit, im dritten Teil die weihnachtlichen Töne eines wunderschönen Pastoralduetts anzuschlagen. So konnte er die Iren trotz des weltlichen Textes auf Weihnachten einstimmen. Nach dem Jahreswechsel folgte dann eine überaus erfolgreiche Londoner Kompilation von 1739: Acis and Galatea mit der Cäcilienode, später das Alexanderfest, das biblische Oratorium Esther und eine veritable italienische Oper in konzertanter Aufführung: Imeneo. Die erste Oratorienserie lief so gut, dass eine zweite dringend verlangt wurde. Erst am Ende krönte Händel seinen Aufenthalt in Dublin mit der Uraufführung des Messiah am 13. April 1742. Nach dem julianischen Kalender, der in Irland wie in England noch bis 1752 galt, handelte es sich um den Dienstag der Karwoche. Ein Oratorium für den Advent wie heutzutage war das Werk für Händel nie: Die Passion und Ostern standen für ihn im Mittelpunkt seines Messiah.

Aufschrei in London

Genau dieser Umstand wurde dem Werk in London zum Verhängnis, kaum hatte er die Erstaufführung im Covent Garden Theatre angekündigt ­– vorsorglich nicht unter dem Originaltitel, sondern als „A sacred oratorio“, „ein geistliches Oratorium“. Doch die Camouflage half nicht. Der Bischof von London reagierte in den Zeitungen prompt und grausam: „Wie wird es auf spätere Zeiten wirken, wenn sie in der Geschichte Englands lesen, dass wir auf einer solchen Höhe der Pietätlosigkeit angelangt waren, auf der selbst die heiligsten Dinge zu öffentlichen Vergnügungen missbraucht wurden? Was würde ein Moslem darüber denken, der doch seinen Koran mit so viel Sorgfalt und Ehrfurcht hütet?“ Es dauerte lange, bis Händel die Wogen des öffentlichen Aufruhrs im ach so frommen London glätten konnte.

Jonathan Swift gegen Händel

Auch Geistliche in Irland hatten Einwände gegen den Messiah erhoben, während das Publikum die sakrale Erbauung in Händels erhabenen Tönen tief bewegt aufnahm: „Das Sublime, das Große und das Zarte, angewendet auf die höchsten, majestätischsten und bewegendsten Worte, verschworen sich, um dem begeisterten Herzen und Auge zu schmeicheln“, meldete das Dublin Journal nach der Uraufführung. Wochen zuvor hatten die Domkapitel der beiden Kathedralen St. Patrick’s und Christ Church heftig darüber gestritten, ob sie Händel ihre Chorsänger zur Verfügung stellen sollten oder nicht. Kein Geringerer als Jonathan Swift, der Autor von Gullivers Reisen und Dean von St. Patrick’s, wetterte gegen den „Club of Fiddlers in Fishamble-Street“, den Club der „Bierfiedler“ in Händels Oratorienorchester. Was das Singen über den Messias betraf, verstand der sonst so geistreiche Swift keinen Spaß, doch er wurde überstimmt. Am Ende stimmten alle Profi-Sänger beider Kathedralen voller Begeisterung ins erste Händel-Halleluja der Geschichte ein.

Murren beim Librettisten

Drei Sommerwochen des Jahres 1741, vom 22. August bis 12. September, hatten Händel genügt, um seine berühmteste Partitur zu vollenden. Es war für seine Verhältnisse keine besonders kurze Entstehungszeit und dennoch ein Ärgernis für den Librettisten Charles Jennens, der die Bibelworte des Werkes zusammengestellt hatte. Er hatte gehofft, Händel werde „sein ganzes Genie und seine ganze Kunst daran wenden, damit die Komposition alle seine früheren Kompositionen übertreffe, wie das Thema alle anderen Themen übertrifft.“ Stattdessen vertonte Händel den Text „in großer Eile, obwohl er versprach, sich dafür ein Jahr Zeit zu nehmen und es zum besten seiner Werke zu machen. Nie wieder gebe ich ihm geistliche Worte in die Hand, damit er sie so missbraucht.“ Einer von Jennens' Freunden nannte Händel daraufhin einen „Juden“, worauf Jennens nicht weniger abschätzig antwortete: „Selbst ein Jude hätte den Propheten mehr Respekt gezollt als Händel.“ Erschwerend kam hinzu, dass sich hinter vier Chören des Messiah Fugen aus italienischen Kammerduetten des Meisters verbergen, die ursprünglich weltlich-amourösen Inhalts waren, darunter auch „For unto us a child is born“. Es war nicht das einzige weltliche Zitat in dem Werk.

Opernstil und Weihnachtspastorale

Anspielungen auf den Stil der italienischen Oper finden sich in vielen Arien des Messiah, so zum Beispiel im Agitato der Bassarie „Why do the nations so furiously rage together“ oder im Siciliano der Arie „How beautiful are the feet of them“. Die eindrucksvolle Beschreibung des Volkes, das im Dunkeln wandelt, entlehnte Händel aus einer italienischen Arie seiner Oper Imeneo. Dort heißt die Arie „Di cieca notte allor“ – in beiden Fällen handelt es sich um ein Nachtstück. Wie gewöhnlich hat er im Messiah auch melodisches Material bei anderen Komponisten „ausgeborgt“, vor allem bei Italienern. Für die Arie „Thou shalt break them“ benutzte er einen melodischen Einfall seines italienischen Kollegen Giovanni Porta, für die Amen-Fuge ein Thema des Venezianers Antonio Lotti. Selbst italienische Volksmusik hat im Messiah ihre Spuren hinterlassen: Die Arie „He shall feed his flock“ und die Hirtensinfonie vor der Verkündigung der Weihnachtsbotschaft gehen beide auf Melodien der „Pifferari“ zurück, jener Hirtenmusiker, die früher alljährlich aus den Abruzzen zur Weihnachtszeit nach Rom kamen, um dort auf Dudelsack und Schalmei (Zampogna und Piffero) vor Madonnenbildern zu spielen. Der junge Händel hörte sie 1706 in Rom und merkte sich einige ihrer Melodien, die er im Messiah 35 Jahre später wieder verwendete.

Eine Mainzerin in Dublin

Von der Dubliner Urfassung bis zur „Foundling Hospital Version“ aus den 1750er Jahren legte der Messiah einen weiten Weg zurück, wobei gewisse Änderungen berühmten Gastsolisten geschuldet waren. Der erste Star des Werkes war die aus Mainz stammende Sopranistin Christina Avolio, geborene Graumann, die ihrem italienischen Mann nach Russland gefolgt war und seitdem „La Moscovita“ hieß. In der Londoner Oper nur mäßig erfolgreich, ließ sie sich von Händel leicht überreden, ihm nach Irland zu folgen. Am 28. November 1741 meldete das Dublin Journal, „Signora Avolio“ sei mit einer Yacht aus Parkgate in der Stadt eingetroffen, „eine ausgezeichnete Sängerin, die in dieses Königreich gekommen ist, um in Herrn Händels musikalischen Unterhaltungen zu singen“. Begeistert schrieb Händel an Charles Jennens: „Signora Avolio, die ich von London mitbrachte, gefällt außerordentlich.“ Gegen Ende ihres Dubliner Gastspiels hob sie die wunderbaren Sopranarien des Messiah aus der Taufe und sang die Worte des Engels bei der Verkündigung: "Fear not, for behold ...".

Zum Hören:

NB: Den Werbevorspann und die Werbeunterbrechung bei YouTube-Videos einfach überspringen!

Handel: Messiah, aufgezeichnet 1993 im niederländischen Leiden, mit Lynne Dawson, Hillary Summers, John Mark Ainsly und Alastait Miles als Solisten

The Choir of King’s College Cambridge, The Brandenburg Consort, Leitung: Stephen Cleobury

https://www.youtube.com/watch?v=-nZpe32M-EI

Handel: Duett aus dem Oratorium L’Allegro, il Pensieroso ed il Moderato

Amanda Forsythe und Thomas Cooley, Voices of Music

https://www.youtube.com/watch?v=PVCtCxnJyKY