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Die Erzabtei Sankt Peter zu Salzburg im Schnee - ganz so wie anno 1777, am vierten Adventssonntag bei Mozarts Messe KV 275 (Foto: www.katholisch.at).

Adventskalender Salzburg, 21.12.1777

Den vierten Advent 1777 konnten die Mozarts nicht gemeinsam feiern: Vater Leopold und Tochter Nannerl lauschten in Salzburg einer wunderschönen Adventsmesse von Wolfgang, der sich derweil mit der Mutter im fernen Mannheim aufhielt.

Adventsmesse für die Salzburgerinnen, 21.12.1777

Ganz beglückt kamen die Salzburgerinnen am vierten Advent anno 1777 aus dem Stundengebetsamt in der Erzabtei Sankt Peter: Ein schöneres Weihnachtsgeschenk hätte ihnen der junge Mozart gar nicht machen können. Drei Monate war er nun schon fort, doch seine innige B-Dur-Messe, dieses Singen durch und durch, erwärmte sie im Herzen wie in den Gliedern. Und Wärme hatten sie im Advent 1777 bitternötig, denn es war bitterkalt. Die große Kälte kam am Montag nach dem zweiten Advent. Ein Nordlicht in den Bergen hatte sie angekündigt, so dass man schon glaubte, die Stadt Laufen stünde in Flammen. Doch es war nur ein Flammen des Himmels vor dem Einbruch des eisigen Winters.

Weihnachtswünsche von Nannerl Mozart

Nun steckte auch Nannerl Mozart mit ihrem Vater Leopold im tiefsten Salzburger Schnee fest und fragte sich, was wohl Mutter und Bruder im fernen Mannheim so trieben und wie die neueste Mode dort beschaffen sein mochte: „Wenn ich das glück habe, die Mama in zwey Monaten hier zu sehen, so bitte ich die güte zu haben, genau acht zu geben, wie die frisur gemacht ist. Auch wenn’s möglich wäre, eine neue Modehauben und was der Mama gefällig ist.“ Nannerl konnte nicht ahnen, dass ihre Mama zu Mannheim meistens frierend im Zimmer saß, während Wolfgang auf hundert Hochzeiten tanzte: beim Kurfürsten im riesigen Schloss, bei den Hofmusikern in der Sonntagsmesse, bei seinen Klavierschülerinnen und bei einer begabten jungen Sängerin, die bald schon viel mehr von seiner Zeit in Anspruch nehmen sollte: Aloysia Weber. Noch etwas anderes konnte Nannerl Mozart an Weihnachten 1777 nicht ahnen: dass sie die Mama nie wiedersehen würde. Im Februar sprach der Vater das Machtwort: „Fort mit euch nach Paris!“ Und genau dort, mitten im Sommer 1778, ist Maria Anna Mozart ihrem Sohn Wolfgang unter den Händen weggestorben. Als er im Januar in die Heimat zurückkehrte, kam er mit leeren Händen: ohne eine Stelle, ohne eine Modehaube für seine Schwester und ohne die Mama, die in geweihter Erde bei der Pariser Kirche Saint-Eustache ruhte. Weihnachten 1778 sollte das traurigste in der Geschichte der Familie werden, doch das konnten Vater und Tochter 1777 Gott sei Dank noch nicht ahnen. Voller Vorfreude übte Nannerl die neue Klaviersonate, die ihr Bruder aus Mannheim geschickt hatte, und zwar „mit aller Expreßion“, wie ihr Vater stolz konstatierte.

Weihnachtsbriefe von Leopold Mozart

Nur wenn Leopold Mozart über Musik schrieb, war er ganz der Alte in jenem Advent 1777. Die Aussicht auf ein Weihnachten ohne seine geliebte Frau und den Sohn war nicht nach seinem Geschmack. Die Unruhe, was denn die beiden in Mannheim zuwege brächten, ließ Vorfreude auf das Fest gar nicht erst aufkommen. Seine Glückwünsche musste er schon früh im Dezember absenden, denn die Post zwischen Kurpfalz und dem Erzbistum Salzburg brauchte ewig. Schon diese Verzögerungen trieben ihn schier in die Verzweiflung. Er muss sich in jenen Monaten vorgekommen sein wie ein Filmregisseur, dem Drehbuch und Kamera abhanden gekommen sind. Wie sollte er seinen aus Salzburger Diensten ausgeschiedenen Sohn jemals auf eine neue, attraktive Stelle bei Hofe hieven, wenn er selbst nicht anwesend war, der Meisterregisseur der höfischen Antichambre? Umso eifriger schrieb Leopold seine Briefe, die Regieanweisungen für Mannheim.

Ein unvergleichlicher Kastrat

Ein besonders langes Schreiben an Frau und Sohn hat er am vierten Adventssonntag, dem 21. Dezember, begonnen, aber erst am Folgetag beendet. Gerade kam er aus dem „Stundengebeth ambt“ in der Erzabtei Sankt Peter, „wo Deine Meß ex B gemacht wurde und der Castrat unvergleichlich gesungen hat“, wie er seinem Sohn schrieb. Der Sopranist, der das Benedictus aus der B-Dur-Messe KV 275 so schön sang, hieß Francesco Ceccarelli. Er stammte aus Foligno im Kirchenstaat, war erst 25 Jahre alt und von Fürsterzbischof Colloredo im November auf Probe angestellt worden.

Schlussendlich sollte Ceccarelli elf Jahre lang in Salzburg bleiben, bis er am 1. Februar 1788 in die Dienste des Mainzer Kurfürsten Friedrich Carl Joseph von Erthal wechselte. Aus dem Salzburger wurde ein „Mainzer Hofsänger“, und zwar ganz anderer Art als seine heutigen, fastnachtlichen Nachfolger - ein Meister des „Tontragens“, des erhabenen italienischen Sostenuto. 1790 traf er an Main und Rhein Wolfgang Mozart wieder und sang in dessen beiden Akademien im Frankfurter Stadttheater und im Mainzer Schloss. Nach der Zerstörung von Mainz durch preußische Kanonen 1793 ging er nach Italien zurück und begann im stolzen Alter von 42 Jahren eine neue Karriere als erster Sopranist am Teatro S. Carlo in Neapel.

Weihnachtsarien von Wolfgang Mozart

Am vierten Advent 1777 war der junge Ceccarelli noch weit davon entfernt, ein erster Sänger in Italiens großen Opernhäusern zu bestehen, doch sein schönes Cantabile beeindruckte Leopold Mozart so sehr, dass er ihn zu sich nachhause einlud, ins Tanzmeisterhaus am Mirabellplatz. Dort fand sich Ceccarelli alsbald regelmäßig ein: zum Kartenspielen, zum Bölzlschießen, vor allem aber zum Musizieren. Leopold begleitete ihn auf der Violine, Nannerl am Cembalo, wenn er seine Opernarien und geistlichen Motetten sang. Ceccarelli ersetzte den beiden in jenen Monaten in gewisser Weise den fehlenden Bruder. Dies spürte Wolfgang, als er aus Paris zurückkehrte, und blieb dem Kastraten gegenüber spöttisch distanziert. Für seine Stimme aber erfand er 1779 und 1780 die schönsten Sopransoli seiner gesamten Kirchenmusik: Ceccarelli war der erste Solist im Agnus Dei der Krönungsmesse und im Laudate Dominum aus der Bekenner-Vesper KV 339. Dieser Kastrat war ein wahres Weihnachtsgeschenk des Landesherren an seine Salzburger. Denn noch nie hatten sie eine so schöne Sopranstimme in ihrer Kirchenmusik gehört – engelsgleich, wie aus einer andern Welt.

Zum Hören:

Mozart: Messe B-Dur, KV 275 (Aufnahme mit unterlegter Partitur)

Kölner Kammerchor, Collegium Cartusianum, Leitung: Peter Neumann

(Sopransolo: Patricia Kwella, Benedictus bei 10:14)

https://www.youtube.com/watch?v=JmsH1kRfl3g

Mozart: Messe B-Dur, KV 275 (TV-Mitschnitt aus dem französischen Fernsehen)

Choeur et Orchestre de Radio France, Leitung: Rinaldo Alessandro

(Sopransolo: Barbara Vignudelli, Benedictus bei 10:30)

https://www.youtube.com/watch?v=go3xO0A-9xI

Mozart: Laudate Dominum aus KV 339

Patricia Janecková, Sopran

Janáčkův komorní orchestr

https://www.youtube.com/watch?v=ljvTwbxrylc

Agnus Dei aus der „Krönungsmesse“ KV 317, aufgezeichnet 2012 im Regensburger Dom

Elvira Hasanagic, Sopran; Regensburger Domspatzen, Leitung: Tetsuro Ban

https://www.youtube.com/watch?v=0kbEM76IJXM