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Francesco Solimena, Geburt Christi mit Engeln (Neapel, um 1710).

Adventskalender Neapel, 22.12.1712

Wenn sich derzeit die Weihnachtskarten in Wohnungen und Büros stapeln und Glückwünsche aus allen Himmelsrichtungen eintreffen, ist dies kein neues Phänomen: Im Italien des 18. Jahrhunderts war Weihnachtspost so obligatorisch wie heute, auch in Neapel.

Flaminia Scarlatti wünscht frohe Weihnachten, Neapel 22.12.1712

Dem späteren Wiener Hofdichter Pietro Metastasio wurde es plötzlich zu viel: Die Pflicht, Jahr für Jahr devote Glückwünsche zum Fest an hochgestellte Persönlichkeiten zu senden, nahm so überhand, dass er sie kurzerhand einstellte. Nicht so Alessandro Scarlatti, der Hofkapellmeister der Vizekönige in Neapel. Seine ganze Familie musste seinen Gönnern zum Fest devotissime gratulieren, allen voran Kardinal Annibale Albani, dem Neffen des Papstes in Rom. Seit die Biblioteca Oliveriana in Pesaro 2011 das Familienarchiv der Albani online stellte, kann man diese Briefe nachlesen (www.archivioalbani.it). Sie reihen sich ein in Tausende von Beispielen barocker Weihnachtspost, alle gerichtet an den Heiligen Vater Clemens XI. Albani und die Mitglieder seiner Familie, insbesondere an seinen ältesten Neffen Annibale.

Zu den Gratulanten gehörte auch Scarlattis älteste Tochter Flaminia, wie der römische Musikwissenschaftler Luca Della Libera bald nach der Öffnung des Archivs herausfand. Seit nämlich die Familie anno 1703 vor massiven Anfeindungen in Neapel an den Ufern des Tibers Asyl gefunden hatte, war auch sie dem mächtigen Papstneffen zu Dank verpflichtet. Dabei konnte es nicht schaden, so manchem Weihnachtsbrief eine Kantate beizulegen, um sich auch musikalisch ins Gedächtnis zu rufen.

Weihnachtspost für einen Kardinal

Kurz vor Weihnachten 1712 schrieb Flaminia Scarlatti einen Weihnachtsbrief an Kardinal Annibale Albani in Rom. Die damals 29-jährige kannte den Papstneffen gut aus römischen Jahren:

„Es fällt mir schwer, Eurer Eminenz in angemessener Weise die ganze Fülle des Glücks für das Allerheiligste Weihnachtsfest zu wünschen. Deshalb lasse ich statt vieler Worte lieber meine tiefe innere Dankbarkeit sprechen und füge als Zeichen meiner unwandelbaren Dienstbarkeit eine Cantata hinzu, die ich übersende, indem ich mit aller Ehrerbietung den Saum Eures Purpurgewandes küsse.“

Der mächtige Kurienkardinal wusste zwischen den Zeilen dieses Schreibens zu lesen. Hinter den unvermeidlichen Formeln barocker Devotion trat eine sehr persönliche Geschichte zu Tage, die er nur zu gut kannte. Hier sprach eine nicht mehr ganz junge Frau zu ihm, die Schwieriges hinter sich hatte, auch dank seiner Fürsprache, und sie dankte ihm ehrlich und von Herzen und mit einer zu Herzen gehenden Musik. Diese Musik stammte sicher aus der Feder ihres Vaters, doch der Kardinal sollte dabei im Geiste ihre Stimme klingen hören: den schönsten Sopran Neapels. Acht Jahre war es her, dass sie mit dieser Stimme ganz Rom verzaubert hatte. Annibale hatte sie oft singen hören: draußen am Albaner See in Castelgandolfo, beim spanischen Botschafter und bei sommerlichen Serenaden.

Damals, anno 1704, war er gerade erst von seiner Mutter nach Rom gebracht worden, um am Hof seines Onkels Karriere zu machen – gleich nach dem theologischen Examen, aber vorerst ohne Kardinalshut. Denn ein bloßer Nepot sollte er nicht sein, sondern musste sich seine Sporen an der Kurie erst verdienen. Allmählich wuchs sein Einfluss auf den mächtigen Onkel. Deshalb konnte er 1707 eine wahrhaft dramatische Krise der Familie Scarlatti auf diplomatische Weise bereinigen: Um nach Venedig reisen zu können, wo Opernaufträge auf ihn warteten, brachte Alessandro Scarlatti im Herbst 1706 seine beiden Töchter Cristina und Flaminia in einem Nonnenkloster zu Urbino unter, wo gerade sein ältester Sohn Domkapellmeister geworden war. Da der Papst aus Urbino stammte, hatte all dies mit der Protektion der Albani zu tun, doch als der Vater seine beiden Töchter im Folgejahr wieder mit nach Rom nehmen wollte, veranstaltete Cristina eine unglaubliche Szene: Sie schloss ich im Kloster ein und schrieb einen verzweifelten Brief an Annibale Albani, ob er denn nicht erlauben könne, dass sie im Kloster bliebe. Sie wollte partout nicht zurück in die Familie, diesen Komponisten-Clan mit seinem neapolitanischen Chaos. Sie wollte Ruhe und Frieden haben. Flaminia hatte sich damals für ihre Schwester eingesetzt und war seitdem mit Annibale Albani auf besondere Weise verbunden, nicht nur durch die Musik. Sie wünschte ihm von ganzem Herzen frohe Weihnachten.

Weihnachtskantate für einen berühmten Maler

Am liebsten hätte sie für ihn gesungen: jene wunderschöne Weihnachtskantate, die ihr Vater für sie geschrieben hatte. „O di Betlemme altera povertà venturosa“, „O glückliche Armut des hohen Bethlehems“. Bevor ein Kastrat der Hofkapelle diese Cantata pastorale in den weiten Räumen des Palazzo Reale anstimmte, durfte sie sie zuerst singen: mit dem Vater und den Brüdern im eigenen Haus. Dabei hatte sich ein prominenter Besucher eingefunden, der regelmäßig kam, um sie singen zu hören: Francesco Solimena, der berühmteste Maler Neapels. Flaminia Scarlatti war seine Muse: „Da Solimena ein Liebhaber der Musik war, pflegte er sich häufig abends im Hause des Ritters Alessandro Scarlatti einzufinden,“ so hat es ein Zeitgenosse beschrieben. „Scarlatti, dieser bewunderswerte Mann, hatte in der Welt wenige Seinesgleichen, was das Komponieren von ausdrucksvollen Werken betrifft. Er vermochte durch seine Melodie die Herzen im wahren Ausdruck der Leidenschaften zu erobern. Im Hause Scarlattis also unterhielt sich Solimena damit, Flaminia singen zu hören, die Tochter jenes großen Virtuosen, die göttlich sang. Und so groß war seine Freundschaft, dass er ihr Porträt malte, im Hausrock, in einer solchen Haltung und so gut gemalt, dass es von allen bewundert wurde. Ich selbst war Zeuge, wie einige ausländische Musiker sich an diesem Porträt nicht sattsehen konnten.“

Solimenas Porträt der Flaminia Scarlatti ist leider verloren, doch seine große Darstellung der Krippe von Bethlehem, entstanden um 1710, könnte durchaus durch ihren Gesang inspiriert worden sein. Sie passt vollendet zu den Klängen von Scarlattis Weihnachtskantate für Sopran und Streicher.

Cantata per la Notte di Natale

Scarlattis süßeste Weihnachtskantate ist den Hirten von Bethlehem gewidmet und führt uns mit ihnen direkt an die Krippe. Das kann man schon in der Streichereinleitung hören: Nach einem kurzen, freudigen Allegro spielen die Geigen und Bratschen eine Pastorale. Sie imitieren die Klänge der Hirteninstrumente Zampogna und Piffero, jenes Duo aus Dudelsack und Schalmei, wie man es noch heute auf den Plätzen Roms hören kann, wenn zwei Hirten aus den Abruzzen ihren Weg in den Vatikan finden oder zur großen Krippe auf der Spanischen Treppe. Im Rom Scarlattis waren diese Hirtenduos omnipräsent: Vor jeder Madonella der Stadt, dem obligatorischen Madonnenbild an der Ecke eines Palazzo oder eines Hauses, musizierten sie tagaus, tagein, im ganzen Advent. Was Corelli im „Weihnachtskonzert“ gelang und Händel in der Piva des Messias, das konnte Scarlatti mindestens ebenso gut, nämlich die Klänge dieser Hirtenmusiker auf edle Streicher zu übertragen und so in rührende Weihnachtsmusik zu verwandeln.

Danach setzt der Sopran ein: Im Rezitativ preist er die glückliche Armut des erhabenen Bethlehem und besingt danach in drei Arien drei unverzichtbare Elemente des Heiligen Abends: den Stern über der Krippe, das Jesuskind in den Windeln und das Glück der musizierenden Hirten. Über dem leuchtenden Klangbogen der Streicher lässt die Sängerin den Stern über Bethlehem aufgehen: „Dal bel seno d’una stella / Spunta a noi l’eterno Sole“ („Aus dem schönen Busen eines Sterns geht uns die ewige Sonne auf“). Dann beschreibt sie in einer rührenden Melodie über absteigenden Streicherakkorden den Anblick des Jesuskinds in seinen Windeln: „L’Autor d’ogni mio bene / Scioglie le mie catene / E stretto è in fasce“ („Der Schöpfer alles Guten löst meine Ketten und liegt doch selbst in Windeln eingewickelt“). Schließlich werden die Hirten – wie in Bachs Weihnachtsoratorium – aufgefordert, dem Jesuskind ihre Herzen und eine schöne Musik darzubringen. Zur Schlussarie ertönen also wieder Dudelsack und Schalmei, verwandelt in sanfte Streicherklänge: „Toccò la prima sorte a voi pastori / Perché si fa Gesù di Dio l’Agnello“. („Euch Hirten wurde das Heil zuerst offenbart, weil Jesus zum Lamm Gottes wird.“)

Diese pastorale Schlussarie enthält nicht zufällig Anklänge an heute noch vertraute neapolitanische Weihnachtslieder, denn deren Autoren griffen im späten 18. Jahrhundert auf dieselben Hirtenweisen zurück, die Scarlatti schon 70 Jahre zuvor in seiner Kantate zitiert hatte. Der Effekt des Ganzen ist von einer schwer zu beschreibenden Süßigkeit – typisch für das traditionelle Weihnachtsfest in Neapel, aber auch durchzogen von Hirtenklängen aus dem Rom des Barock.

Zum Hören:

Alessandro Scarlatti: Oh di Betlemme altera povertà venturosa

Nancy Argenta (Sopran), The English Concert, Leitung und Orgel: Trevor Pinnock

(aufgenommen in S. Maria Maggiore in Rom, vor der berühmten Ikone Salus Populi Romani)

https://www.youtube.com/watch?v=0POroU_6FkI