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Das Wohnzimmer von Johannes Brahms in der Karlsgasse 4 zu Wien mit Bachs Porträt an der Wand. Hier dachte Brahms 1892 sehnsüchtig an den Christbaum der Familie Schumann in Frankfurt.

Adventskalender Wien, 23.12.1892

Grundsätzlich erst ganz kurz vor Weihachten schrieb Johannes Brahms seine Weihnachtspost an Clara Schumann. 1892 fiel sie inniger aus als in so manchem früheren Jahr.

Brahms wünscht frohe Weihnachten: Wien, 23.12.1892

Erst wenn Weihnachten schon unmittelbar vor der Tür stand, setzte sich Johannes Brahms endlich an seinen Schreibtisch, um den jährlichen Weihnachtsbrief an Clara Schumann zu schreiben. Fast immer tat er sich schwer damit: Entweder hatte er nicht an die Geschenke für Claras Kinder gedacht, oder ein aktuelles Zerwürfnis stand zwischen ihm und der alten Freundin in Frankfurt. Manchmal trübte ein Trauerfall den unbeschwerten Festtagston, häufig warf die komplizierte Planung zu einer Konzertreise ihre Schatten voraus. Nur 1892 gelang Brahms einmal ein wahrhaft weihnachtlicher Weihnachtsbrief an Clara.

Wien, den 23. Dezember 1892

Es ist lange her, daß ich bei Dir die letzte Weihnacht feierte – aber so schön und lieb war sie mir auch nicht wieder, und das beste wird auch diesmal sein, wenn ich zurückdenke, wie an jenem Abend der Baum strahlend leuchtete und alle Augen, junge und alte, dazu. Möge Dir das Fest – wie damals eines sein!

Im weiteren Verlauf des Briefes geht es um rare Variationen von Claras verstorbenem Ehemann Robert. Gemeinsam mit Brahms bereitete sie damals eine Gesamtausgabe von dessen Werken vor und wollte endlich einmal die Variationen für zwei Klaviere, zwei Celli und Horn in der Originalfassung publizieren. Nur der Unwille des Verlags Breitkopf & Härtel hatte Schumann seinerzeit genötigt, von der Originalfassung Abstand zu nehmen und die Variationen für zwei Klaviere ohne Celli und Horn drucken zu lassen. Clara erinnerte sich noch sehr gut daran: „Ich erinnere mich, daß Robert sich nur zur vereinfachten Herausgabe entschloß, weil Härtels sie wegen des schlechten Geschäftes anders nicht nehmen wollte.“ Nun lagen die Korrekturfahnen der Originalfassung in der Karlsgasse 4 in Wien auf Brahms’ Schreibtisch. Doch statt sie vor Weihnachten noch fertig zu machen, setzte er sich lieber an den Flügel und spielte sie durch:

Die Variationen sind doch ein merkwürdiges und unwiderstehlich bezauberndes Werk! Neulich kam ich von einer langen Gesamtprobe nach Haus, und ganz wie selbstverständlich, ohne einen besonderen Gedanken, saß ich wieder am Klavier und spielte sie mir ganz inniglich mit meinen zwei Händen vor! Es ist, als ob man an einem schönen sanften Frühlingstag spazierte, unter Erlen, Birken und blühenden Bäumen, ein sanft rieselndes Wasser zur Seite. Man wird nicht satt zu genießen die ruhige nicht warm, nicht kalte Luft, das sanfte Blau, das milde Grün, man denkt nicht, daß es auch Aufregung gibt, und wünscht keine dunklen Wälder und keine schroffen Felsen in die schöne Einförmigkeit. Wenn man für die Musik extra Philisteraugen hätte, so sähe man vielleicht mit Bedenken, wie das Thema viermal im selben Tone schließt, nennte die süßen, weichen Harmonien gar süßlich, weichlich, und fürchtete, sie in den Variationen oft wiederholt zu hören. Alles vergebens! Man taucht unter und genießt die holde Musik wie die zarte erquickende Frühlingsluft und Landschaft.

Nach diesem für seine Verhältnisse überraschenden Ausflug in die Gefilde romantischer Landschaftspoesie musste sich Brahms am Riemen reißen und zurück in die Realität des 23. Dezember befördern. Denn er wusste aus früheren Jahren, dass Clara selbst den Christbaum schmückte, und zwar am 24. Dezember morgens. Und dass sein Weihnachtsbrief pünktlich am Heiligabend morgens in Frankfurt eintreffen würde, war bei der damaligen Pünktlichkeit der K. und K. Post mit Sicherheit zu erwarten:

Herrgott, wenn aber jeder Briefschreiber heute Dich so lange aufhalten will, wo bleibt da die Arbeit am Christbaum! Gehe jetzt fröhlich daran, und denke auch einmal freundlich deines von Herzen grüßenden Johannes!

Selbst über die Distanz von vielen Hundert Kilometern hinweg gelang es Brahms, die oft verstimmte Clara in den Zauber seines Weihnachtsbriefes hineinzuziehen. Sie antwortete am Vorabend von Silvester:

Lieber Johannes, das war mal ein zarter Weihnachtsgruß von Dir, und ich hätte Dir gern gleich gesagt, wie Du mich damit erfreut hast, aber ich bin wahrhaft überbürdet jetzt und habe zu wenig Kräfte dafür. Mit wahrhaft wohliger Empfindung habe ich Deine Träumereien über die Variationen gelesen.

Man sieht: Schon anno 1892 waren Hausfrauen vor Weihnachten mit Arbeit „überbürdet“. Deshalb wollen wir auch unsere Leserinnen und Leser nicht weiter aufhalten, sondern nur ein fröhliches Schmücken des Christbaums wünschen, sofern nicht schon geschehen, und möchten dazu sehr die Schumannschen Variationen empfehlen, die Brahms an Weihnachten 1892 so sehr entzückten.

Zum Hören:

Robert Schumann: Andante und Variationen über ein eigenes Thema für zwei Klaviere, zwei Violoncelli und Horn, op. 46 (Originalversion)

Neal & Nancy O'Doan (Klavier I und II), Christopher Leuba (Horn), Carter Enyeart und Toby Saks (Violoncello I und II)

https://www.youtube.com/watch?v=49TvuAC0fpQ