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Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio: Anbetung der Hirten, Messina 1609, einstmals das Altarbild der Kapuzinerkirche in den gewaltigen Dimensionen 3,14 m x 2,11 m (heute im Museo Regionale di Messina).

Adventskalender: Heiligabend bei den Hirten

Sie waren die ersten Glaubenszeugen der Weihnacht: die Hirten von Bethlehem. Viele große Komponisten haben ihnen rührende Krippenmusiken in den Mund gelegt - ein kleiner Spaziergang durch die Geschichte der Weihnachtspastorale von Karl Böhmer.

Weihnachten bei den Hirten, 24.12.

Nie habe ich Herden gehütet, / Und doch ist es, als hütete ich sie.

Diese Verse des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa mussten sich alle Komponisten zu Herzen nehmen, die sich an Weihnachten in die Hirten von Bethlehem hineinversetzen wollten. Schließlich waren es arme Schafhirten auf den Feldern von Bethlehem, denen die Geburt des Erlösers zuerst verkündet wurde. Sie hausten mit ihren Tieren in Höhlen, auch des Nachts. Und in dieses Dunkel, unter dem Blöken der Schafe, brach das Licht des Herrn ein. Nur wenige hundert Meter trennten sie von der Krippe, in die Maria in ihrer Not den Neugeborenen gelegt hatte. Dass die historischen Hirten von Bethlehem ihre Dudelsäcke und Flöten mit in die Geburtsgrotte nahmen, ist wahrscheinlich, aber nicht, dass sie dem Jesuskind damit ein Ständchen brachten - wenige Stunden nach seiner Geburt, neben der völlig erschöpften Mutter. Vielleicht war es eher ein Moment der stillen Anbetung, wie ihn der Barockmaler Caravaggio in Messina festgehalten hat. Erst viele Jahrhunderte später wurde aus der Begegnung der Hirten mit dem Mensch gewordenen Erlöser ein musikalisches Ereignis – eine Beschwörung des reinen, unverfälschten Hirtenklangs als Symbol für die Reinheit des Kindes und für seine Armut.

Zampognari auf dem Petersplatz, 2015

Als Papst Franziskus am 8. Dezember 2015 das Heilige Jahr der Barmherzigkeit eröffnete, standen tiefe Regenwolken über dem Vatikan, und die Sicherheitskontrollen am Petersplatz waren noch einmal verschärft worden, nur drei Wochen nach den Pariser Bataclan-Anschlägen. Doch als am nächsten Tag die Generalaudienz auf dem Petersplatz unter strahlender römischer Dezembersonne stattfand, löste sich die Spannung. Und als wären sie eigens dazu bestellt worden, stimmten zwei Zampognari auf Schalmei und Dudelsack das Weihnachtslied aller Weihnachtslieder an: „Tu scendi dalle stelle“. Es schallte über den ganzen Petersplatz und sandte noch vor dem pontifikalen Segen Tausende von Pilgern mit dem Klang gewordenen Segen des Jesuskindes ins Anno Santo della Misericordia.

Tu scendi dalle Stelle, 1754

„Tu scendi dalle stelle“ ist das „Stille Nacht“ der Italiener, doch was man für ein Weihnachtslied halten könnte, das auch auf Volksinstrumenten gespielt wird, ist in Wahrheit das genaue Gegenteil: echte Volksmusik, verwandelt in ein Weihnachtslied. Seit Jahrhunderten huldigen die Hirten aus den Abruzzen mit dieser Melodie in diversen Varianten dem Jesuskind und seiner Mutter. Arcangelo Corelli verwandelte ein ähnliches Thema in die Pastorale seines Weihnachtskonzerts, Alessandro Scarlatti machte daraus die Hirtenarie seiner Cantata „O di Betlemme altera“, und Händel benutzte die gleiche Melodie für „He shall feed his flock like a shephard“ im Messiah. Der Heilige Alfonso de’ Liguori war also nicht der Erste, sondern eher einer der Letzten, die diese Melodie in einer ihrer vielen Varianten für Weihnachtsmusik verwendete. Mitte Dezember 1754 schrieb er im kampanischen Nola sein Weihnachtslied, woran seit 2010 eine Tafel am damaligen Palazzo der Familie Zamparelli erinnert. Die musikalische Bearbeitung fiel ihm als Schüler des neapolitanischen Kapellmeisters Gaetano Greco leicht. Die Inspiration für die Verse – erst auf Neapolitanisch, später auf Italienisch – kam vom Allerhöchsten. Kenner der neapolitanischen Volksdichtung würden das vielleicht ein wenig anders sehen, und auch Volksliedforscher hätten zur Geschichte der Melodie Einiges zu sagen. All dies aber ist nebensächlich, sobald die Italiener in der Notte di Natale voller Inbrunst ihr „Tu scendi dalle stelle“ anstimmen. Noch lauter erschallt es im Originalklang der Zampognari, vor einer Krippe gesungen und gespielt von einem Ensemble wie CaferZAmpognari (siehe unten).

Concerto fatto per la Notte di Natale, 1713

Wann genau Arcangelo Corelli sein berühmtestes Concerto grosso aus der Taufe hob, ist unbekannt. Fest steht nur, dass es im Rahmen seines Opus 6 gedruckt wurde, anno 1713, wenige Monate nach dem Tod des Komponisten, der im römischen Pantheon seine letzte Ruhestätte fand, passenderweise unter einer Anbetung der Hirten. Entstanden ist dieses Concerto wesentlich früher, höchst wahrscheinlich für das festliche Beisammensein der Kardinäle im Apostolischen Palast in der Notte di Natale. Jenes jährliche Nachtmahl der katholischen Oberhirten des Barock hatte wenig mit der Armut der Hirten von Bethlehem zu tun, wobei man gleich dazu sagen muss, dass Etliche von ihnen zwar Kardinäle, aber keine geweihten Priester oder gar Bischöfe waren. Meistens handelte es sich um durchaus weltlich gesinnte Verwaltungsjuristen aus reichen Familien. Schon aus Standesbewusstsein musste sich deren Weihnachtstafel nicht nur vor kulinarischen, sondern auch vor musikalischen Genüssen förmlich biegen. Deshalb wurde vor dem Mahl alljährlich ein eigens dazu gedichtetes und komponiertes Weihnachtsoratorium in italienischer Sprache aufgeführt – eine lange Cantata für mehrere Sänger und Orchester. Da Corelli bei solchen Gelegenheiten als Capo des Orchesters fungierte, steuerte er häufig genug die Sinfonia zu diesen langen Kantaten bei – eben sein Concerto fatto per la Notte di Natale. Es hatte die unterschiedlichsten „Weihnachtsgeschichten“ einzuleiten: Mal waren es Hirten, mal Engel, mal Propheten Israels, die sich über die Geburt des Messias in gelehrte Betrachtungen vertieften. 62 Libretti dieser Art sind aus den Jahren 1676 bis 1740 überliefert. Nur in fünf Fällen ist dazu auch die Musik erhalten, große Weihnachtskantaten von Lulier (1700), Alessandro Scarlatti (1705), Costanzi (1723), Bencini (1730) und Porpora (1732). Erst 1741 räumte der bodenständige Lambertini-Papst Benedikt XIV. mit diesem allzu barocken Brauch auf. Corellis „Weihnachtskonzert“ aber überdauerte alle Wechselfälle der Kirchengeschichte.

Cetre, non più tacete, 1695

Sucht man nach einem besonders geeigneten Datum für seine Uraufführung, so kommt am ehesten der 24.12.1695 in Frage. An jenem Heiligabend fiel die Komposition der Kantate Alessandro Scarlatti zu, und es ging dabei ausnahmsweise um die Hirten von Bethlehem. Was hätte also besser gepasst als ein Corelli-Concerto, das mit einer weihnachtlichen Hirtenmusik schließt? Denn gleich zu Beginn verkündet der Engel den Schäfern: „Cetre, non più tacete“, „Schweigt nicht mehr, ihr Saiteninstrumente“. Also spielten Corellis Streicher nach der düsteren g-Moll-Einleitung mit ihren schwer lastenden Adagios und aufgeregten Allegrosätzen jene himmlisch süße Pastorale in G-Dur. Danach sandte der Engel die Hirten zur Krippe: „Sù Pastori alla gioia, al diletto“. Und natürlich durften auch dort die Melodien der Zampognari nicht fehlen, wenn auch Scarlattis Partitur zu diesem Werk leider verloren ging.

Süßer Trost, mein Jesus kömmt, 1725

Voller Inbrunst sang ein Knabensopran der Thomaner am 27. Dezember 1725 die folgenden frommen Verse ins weite Gewölbe der Leipziger Nikolaikirche hinaus:

„Süßer Trost, mein Jesus kömmt / Jesus wird anitzt geboren. / Herz und Seele, freuet sich. / Denn mein liebster Gott hat mich / Nun zum Himmel auserkoren.“

Wieder einmal waren es Verse des Darmstädter Hofpoeten David Christian Lehms, die Bach zu einer besonders innigen Arie inspirierten. Und weil er an Weihnachten 1725 einen besonders guten Knabensopran und einen virtuosen Traversflötisten zur Verfügung hatte, schrieb er darüber eine wahre Hirtenmusik. Welches Vorbild Bach dabei im Ohr hatte, wissen wir nicht – ob es die Hirtenflöten von den thüringischen Feldern seiner Jugend waren, die Dudelsäcke aus „Kuhköthen“, wie man seine spätere Wirkungsstätte in Anhalt damals spöttisch nannte, oder einfach nur die Pastoralen vom Dresdner Hof, die ihm seit seinem letzten Besuch im September 1725 im Ohr klangen. Jedenfalls schuf er für den dritten Weihnachtstag 1725 seine bis dahin schönste Weihnachtspastorale. Zum sanften Bordun der Streicher tritt eine Oboe d’amore hinzu als idealisierte „Schalmei“. Über diesem ruhigen Hirtenklang spinnt die Traversflöte ihre Fiorituren aus, so virtuos wie später in den Pastoralfantasien der Romantiker. Dieses Orchestervorspiel ist gleichsam eine Klang gewordene Krippe, vor der nun der Sopran seine hohen, langen Töne anstimmt und den süßen Trost des Weihnachtsfestes in weiten Bögen besingt. Im Mittelteil weicht die besinnliche Betrachtung einem Hirtentanz, im Rhythmus und den Koloraturen einer höfische Gavotte, die im Ursprung selbst nichts anderes war als ein Volkstanz. So geht die innigste wie die freudigste Weihnachtsmusik letztlich auf die Hirten von Bethlehem zurück.

In diesem Sinne wünschen wir allen Leserinnen und Lesern unseres Adventskalenders gesegnte und wahrhaft frohe Weihnachten!

Zum Hören:

Tu scendi dalle Stelle

Das Quartett CaferZAmpognari mit einer gesungenen Variante und am Ende der klassischen Melodie rein instrumental.

https://www.youtube.com/watch?v=EF5QDg7XXFU

Arcangelo Corelli: Concerto grosso g-Moll, op. 6 Nr. 8 „Fatto per la notte di Natale“

The English Concert, Orgel und Leitung: Trevor Pinnock

(aufgezeichnet in der Cappella Paolina von S. Maria Maggiore in Rom, vor dem Gnadenbild der Madonna, genannt „Salus Populi Romani“)

https://www.youtube.com/watch?v=CRnRBkiEXLs

Johann Sebastian Bach: Süßer Trost, mein Jesus kömmt, BWV 151

Maria Keohane, Sopran; Katy Bircher, Traversflöte; Concerto Kopenhagen, Leitung: Lars Ulrik Mortensen

https://www.youtube.com/watch?v=oUy10EMxEO0