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Sie spielen Heinichens Dresdner Pastorale am Nikolausabend im Kurfürstlichen Palais in Trier: Traversflötist Lorenzo Gabriele und sein °Quadro animato".

Villa Musica Adventskalender

Das dritte Türchen im Adventskalender öffnet sich auf den 3.12.1719 in Dresden. Juwelen glänzen am Hals der Schwiegertochter, während August der Starke Advent feiert. Sein Kapellmeister Heinichen schreibt eine Weihnachtspastorale - zu hören kommenden Freitag im Kurfürstlichen Palais in Trier, mit dem "Quadro animato".

Fürstenhochzeit anno 1719 zu Dresden

Die Juwelen funkelten am Hals der Schwiegertochter, und in ihrem Glanz sonnten sich auch die Jesuiten, zum Klang der Hofmusik. Für gewöhnlich war Johann David Heinichen ein geduldiger Mensch, doch diese Spezies trieb ihm die Zornesröte ins Gesicht. Was würden seine Eltern dazu sagen? Er, der aufrechte Lutheraner, dirigierte nun katholische Kirchenmusik für aufgeblasene Jesuiten, mitten in Dresden! Im Dienst des starken August lernte man wahrhaft, mit den Launen der Fürsten zu leben. Was hatte der Herr Hofkapellmeister nicht alles an Prüfungen zu bestehen, als sein Herr die große Hochzeit plante, die größte des Jahrzehnts, ja vielleicht das ganzen Säkulums: August der Starke verheiratete seinen Sohn an eine Habsburgerin, Tochter eines Kaisers, Enkelin eines Kaisers, Nichte eines Kaisers. Den ganzen September war Heinichen aus den Hudeleien nicht herausgekommen. Schon der Schiffsempfang auf der Elbe hatte alles in den Schatten gestellt, was selbst der Sonnenkönig an Glanz entfaltet hatte. Natürlich brauchte es dazu eine Wassermusik von Heinichen. Im Opernhaus traten sich die Sänger und Tänzer gegenseitig auf die Füße. Antonio Lotti aus Venedig wollte auf keinen Fall hinter seinem deutschen Konkurrenten zurückstehen im Duell der Hochzeitsopern. Hier ein Lustlager, dort ein türkisches Fest, hier ein Ball, dort ein Feuerwerk - ein Fest jagte das nächste. Heinichen und seine Musiker fanden keine ruhige Minute, doch für den Glanz ihres Herrn und zum Ruhme Sachsens war ihnen jede Mühe recht. Wenn nur endlich die versprochenen Zulagen ausgezahlt würden. Vermutlich hatten die Juwelen für die Frau Schwiegertochter so viel Geld gekostet, dass für die armen Musiker wieder einmal nichts übrig blieb.

Jesuiten im Sachsenland

Nicht alles war bei dieser Hochzeit eitel Freud und Sonnenschein. Wie murrten die aufrechten Sachsen, dass ihr Kurprinz dafür hatte katholisch werden müssen, nur um eine Habsburgerin zu heiraten. Die Gräfin Kosel hatte das Projekt hintertreiben wollen. Nun saß sie auf Burg Stolpen in Kerkerhaft. Die Kurfürstin hatte sich aus Protest nach Torgau zurückgezogen. Bei Hofe kein Wort gegen die katholische Hochzeit! Dass die Frau Schwiegertochter eine Wienerin war, die man kaum verstand, weil sie so starken Dialekt sprach – nun gut, darüber durfte man in bestem Sächsisch herzlich lachen. Sie und ihre Wiener Hofschranzen hätten es sowieso nicht verstanden. Es gab ja das Französische und Italienische, das beherrschte sie wie ihre Muttersprache. Aber die Jesuiten, diese Frömmler, diese aufgeblasenen Intriganten in katholischer Tracht! Als Beichtväter waren sie stolzgeschwellt in Dresden eingezogen, unter dem wütenden Protest der Bevölkerung. Die starken Mauern der Residenz und die Garde des Kurfürsten boten ihnen Schutz. Aber im Schloss, da hatten plötzlich sie das Sagen, auch in der Hofmusik. Und das wurmte den geduldigen Heinichen gewaltig!

Heinichens Italienreise

Nicht, dass er noch nie einen Jesuiten gesehen hätte. Seinerzeit, auf seiner italienischen Reise, waren sie ihm oft genug begegnet, besonders in Rom. Aber dort waren sie normale Priester. Hier im Sachsenland führten sie sich auf wie die einzig wahren Diener Christi. In Rom war er dem Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen begegnet, der ihn zu seinem Reisebegleiter machte. Ein aufgeklärter Fürst, wenig fromm, immer bereit, auf Berlinerische Art über die Priester zu spotten. Das hatte Heinichen imponiert, auch die Liebe des Fürsten zu den Zitronen und zur Musik. Doch dann lockten Venedig und das große Dresden. Im kleinen Köthen diente nun der ehrenwerte Sebastian Bach als Kapellmeister. Der hatte ein stilleres Leben als Heinichen im Elbflorenz. August der Starke konnte von Glück reden, dass sein Kapellmeister fließend Italienisch sprach und dass er den Stil der Italiener kannte, in der Musik wie in der Intrige. Heinichen war für alles zu gebrauchen: für prachtvolle Concerti und intime Musica da Camera, für lutherische Oratorien und nun auch für die katholische Messe. Immerhin hatte der große Luther die lateinische Messe nicht vollends abgeschafft, die Psalmen und das Magnificat. Was aber die Katholischen daraus machten, das mochte Heinichen gar nicht so genau wissen. Er dirigierte seine Musiker auf der Empore und zog von dannen, zum lutherischen Gottesdienst.

Adventsmesse mit Weihrauch

So war es auch am ersten Adventssonntag jenes glanzvollen Jahres 1719, dem 3. Dezember: Weihrauch überall, lateinische Gesänge, der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde leise zelebrierend, während sie das Sanctus und Benedictus absangen. Kollege Lotti hatte mit einem eigenen Stück ausgeholfen, einer Adventsmesse ohne Gloria, im demütigen Stil der Jahreszeit. Derweil schrieb Heinichen an seiner Festmesse zum Weihnachtsfest mit Pauken und Trompeten. Eine gewisse Feierlichkeit war den Katholischen nicht abzusprechen, das gab er gerne zu. Aber wo blieb das Wort? Wo die Verkündigung? Diese Weihwasserbecken, die man aus Wien hatte beschaffen müssen, weil sich die lutherischen Steinmetze weigerten, derlei abergläubischen Tand zu hauen. Diese Heiligenbilder und Kerzen, dieses Bekreuzigen, Aufstehen und Hinknien! Heinichen kannte all das aus Italien, doch seine Hofmusiker schüttelten nur den Kopf. Mitten in Dresden, im Herzen der Reformation! Der Kurfürst hatte die ganze Zeit im Gebetbuch gelesen. Sicher waren wichtige Staatsdepeschen darin versteckt oder Liebesbriefe seiner aktuellen Favoritin. Der Kurprinz riss sich zusammen und lauschte der Musik, die er über alles liebte. Die Kurprinzessin dagegen war die Andacht selbst, wie man es eben lernte, am Kaiserhof in Wien, als Enkelin von Leopold I.

Eine Pastorale für Weihnachten

Aus solchen Gedanken wurde der Herr Hofkapellmeister durch einen Jesuiten herausgerissen, der ihn nach der Messe ansprach: „Caro Maestro, la nostra augustissima Signora nella sua clemenza infinita domanda una pastorale per la Notte di Natale, una pastorale per orchestra, in stile romano, lo comprende? Conosce la famosissima pastorale dell’incomparabile Corelli? Sa come scrivere questo genere di musica?“ Am liebsten hätte Heinichen diesem aufgeblasenen Wicht ins Gesicht geschleudert, dass ihn seinerzeit in Rom die Pifferari oft genug morgens um vier Uhr aus dem Schlaf gerissen hatten mit ihren Schalmeien und Dudelsäcken. Er wusste sehr wohl, wie man ihre Musik in einer Weihnachtspastorale nachahmte. Doch Heinichen blieb ruhig und sagte nur: „Certo, Eminenza, ho sentito il grande Corelli tante volte quando sono stato a Roma. Conosco la sua maniera. Ho scritto una pastorale, corretta e approvata da lui.“ Das war ein Schlag, damit hatte der Jesuit nicht gerechnet. Die Antwort fiel einsilbig aus: „Benissimo. Allora ci sentiremo la notte di Natale.“ Also holte Johann David Heinichen an jenem ersten Advent 1719 seine römische Pastorale hervor und polierte sie im Dresdner Orchesterklang auf, mit Flöten und Oboen. Seine Musiker würden staunen. So eine Musik hatten sie zu Weihnachten noch nicht gespielt.

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