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Theodore Squire ist der Solist im Nachtkonzert von Antonio Vivaldi.

Vivaldi bei Villa Musica

Vivaldi ist unser Thema für den Winter 2021: sieben seiner schönsten Concerti, gespielt von Stipendiatinnen und Stipendiaten der Villa Musica im Arp Museum Bahnhof Rolandseck. Unser Vivaldi-Konzert der Woche: La notte für Flöte und Streicher mit Theodore Squire.

Vivaldi zum Anschauen und zum Download

Auf der Videoplattform vimeo können Sie unser aktuelle Vivaldi-Konzert anschauen und in verschiedenen Datenmengen herunterladen. Einfach auf den folgenden Link gehen, Herunterladen anklicken und eine Datenqualität aussuchen. Dann können Sie den Film ungestört und ganz ohne Werbung zuhause ansehen und anhören:

Antonio Vivaldi: La notte, Flötenkonzert g-Moll, op. 10 Nr. 2

Theodore Squire, Flöte

Stipendiatinnen und Stipendiaten der Villa Musica; Violine primo und Leitung: Lina Tur Bonet

https://vimeo.com/498908918

Vivaldis Nachtkonzert

von Karl Böhmer

Nachtbilder vom Bahnhof Rolandseck und die Stimme von Alexander Hülshoff eröffnen unsere Aufzeichnung von Vivaldis berühmtestem Konzert für die Querflöte. Im g-Moll-Konzert mit dem Titel La Notte (Die Nacht) hat der venezianische Priester und Maestro nichts Geringeres dargestellt als eine Geisterstunde in der Lagunenstadt. Schon die punktierten Rhythmen des einleitenden Largo wirken unheimlich – wie das Tor zu einem verwunschenen Palazzo. Der Held des Concerto, die Flöte, tritt ein. Und prompt tauchen sie auf, die Fantasmi, Gespenster mit rasselnden Ketten und wehenden Gewändern, dargestellt in rasend schnellen Presto-Läufen der Streicher. Die Flöte versucht, sich ihrer zu erwehren, und darf in einem kurzen Andante verschnaufen. Doch dann kehren sie wieder, nun im Dreiertakt und fast noch schrecklicher als zuvor. Man ist versucht, bei den klappernden Akkorden im Dreiertakt an einen Geistertanz im Mondlicht zu denken. Plötzlich fällt der Verängstigte in einen tiefen Schlaf, wie die lange ausgehaltenen Akkorden der gedämpften Streicher in dem Satz Il sonno verkünden. Das Cembalo grundiert mit ruhig gebrochenen Dreiklängen. Im Finale kehren die Spukgestalten noch einmal zurück, wie aus weiter Ferne, um am Ende wieder schemenhaft ins Nichts zu verschwinden. 

Die Urfassung dieses Concerto hat Vivaldi vermutlich 1718 in Mantua geschaffen, als er für den (katholischen) Landgrafen Philipp von Hessen-Darmstadt als Hofkapellmeister wirkte. Der hessische Feldherr war von Karl VI. als kaiserlicher Statthalter im eroberten Mantua eingesetzt worden und liebte die Oper. Also berief er den berühmten Vivaldi an seinen Hof, ließ sich von ihm die herrlichsten Opern komponieren und dazwischen Concerti da Camera für die vorzüglichen Bläser und Solostreicher der Hofkapelle. Die Urfassung des Concerto intitolato la notte komponierte Vivaldi noch für Flöte, Fagott und Streicher. 1728 strich er die Fagottstimme, fügte eine Bratsche ein und feilte manche Ecken und Kanten rund. So schuf er sein klassisches Flötenkonzert La Notte, wie wir es kennen. Als Nummer 2 nahm er es in sein Opus 10 auf, den frühesten Concerto-Druck für die modische Traversflöte und Streicher. Wieder einmal war Vivaldi seinen Konkurrenten um einen Schritt voraus. Ausdrücklich hat er dieses Konzert für Flauto Traverso geschaffen, also für die barocke Querflöte, und zwar schon in der Urfassung. Zu Unrecht reklamieren des die Blockflötisten für sich. Unser Flötist Theodore Squire benutzt die moderne Böhmflöte. Wer sich übrigens das Autograph Vivaldis ansehen möchte, kann es auf der italienischen Plattform www.internetculturale.it finden. Dort kann man auch sehen, dass der berühmte Anfang von Vivaldi keineswegs im piano gedacht war, sondern im forte, aber das ist eine andere Frage ...

Eines war Vivaldi mit Sicherheit nicht, obwohl dies Anne Sofie Mutter kürzlich in einem TV-Film über ihn behauptet hat: der Erfinder der Programm-Musik. Schon im 17. Jahrhundert erfreuten sich Geigenvirtuosen wie Schmelzer, Biber oder Fontana an den klangmalerischen Möglichkeiten ihres Instruments. Monteverdi imitierte schon 1624 mit venezianischen Streichern den Galopp eines Pferdes und das Klirren der Waffen. Vivaldi hat diese Tradition nur weitergeführt und auf die Form seiner Concerti übertragen. So schuf er üppige, mehrsätzige Klanggemälde wie die Vier Jahreszeiten. La notte ist eines seiner schönsten.

Der Solist

Theodore Squire, Flöte, geboren 1999, begann 2011 sein Jungstudium an der Musikhochschule Lübeck bei Angela Firkens. 2016 begann er mit dem Vollstudium bei Davide Formisano an der Musikhochschule Stuttgart. 2013 und 2014 errang er bei internationalen Wettbewerben in Deutschland (VII. Internationaler Wettbewerb für die Jugend, Oldenburg 2013) und Rumänien (Jeunesses International Music Competition, Bukarest, 2014) Sonderpreise für zeitgenössische Werke. 2015 konnte er einen weiteren Erfolg verbuchen: Er gewann bei The Dutch International Flute Competition in Ittervoort mit erst 16 Jahren die Bachelorkategorie. 2016 folgte der 3. Preis beim Concorso Severino Gazzelloni in Pescara. Prägende Eindrücke brachte ihm u.a. die Begegnung mit Jürgen Franz, Michael Martin Kofler, James Galway, Andrea Lieberknecht und Felix Renggli. Er war Mitglied im Bundesjugendorchester, spielte mit den Kieler Philharmonikern und diversen anderen Klangkörpern. Er ist Stipendiat der Jürgen-Ponto-Stiftung, der Villa Musica Rheinland-Pfalz und bei Yehudi Menuhin Live Music Now Stuttgart.