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Violinsolist im G-Dur-Konzert aus Vivaldis La Cetra: Stefan Zientek, Meisterstudent von Friedemann Eichhorn in Weimar, Stipendiat der Villa Musica und der Landessammlung wertvoller Streichinstrumente.

Vivaldi bei Villa Musica

Vivaldi bei Villa Musica ist eine Erfolgsgeschichte. Fantastische Konzerte von Vivaldi mit jungen Virtuos(inn)en unserer Stiftung und Barock-Geigerin Lina Tur Bonet, aufgezeichnet im Arp Museum Bahnhof Rolandseck.

Alle sechs Episoden auf einen Blick

Oboenkonzert a-Moll, RV 463

Unsere Stipendiatin Shaghayegh Shahrabi aus dem Iran spielt ein Vivaldisches Oboenkonzert, das ursprünglich ein Fagottkonzert war (RV 500). Um es dem neuen Instrument anzupassen, veränderte der Komponist alle Solopassagen. Unsere Stipendiatin glänzt in diesen virtuosen Laufkaskaden ebenso wie im ruhigen, gesanglichen Mittelsatz. Schon 1721 wunderte sich ein deutscher Venedig-Tourist, dass die Mädchen des Ospedale »so gar auf der Hautbois [...] en maitre spielen«.

https://www.youtube.com/watch?v=KwX5Zx5D5mQ

Violinkonzert G-Dur, op. 9 Nr. 10 (aus La Cetra)

Vivaldi im galanten Stil: Im G-Dur-Konzert aus Opus 9 sind die Themen der Streicher so beschwingt wie Arien aus Vivaldis späten Opern. Unser Stipendiat Stefan Zientek stürzt sich kaltblütig in die wilden Arpeggios und Bariolagen des Soloparts. Eine besondere Perle ist der langsame Mittelsatz: Ganz ohne Basso continuo, nur getragen vom Pizzicato der Geigen, spinnt Stefan Zientek seine Kantilenen aus. Die Verzierungen, die er zu Vivaldis Melodie erfunden hat, sind meisterlich. Er spielt eine Meistergeige von Vincenzo Panormo, gebaut 1760 in Neapel – eine Leihgabe der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur.

https://www.youtube.com/watch?v=bBCfceGdanU

Concerto da camera F-Dur Tempesta di mare, RV 98

Vivaldis Flötenkonzert Opus 10 Nr. 1 in der Urfassung als Concerto für Flöte, Oboe, Solo-Violine und Ripieno. Das Largo ist der einzige Ruhepunkt, den die aufgetürmten Meereswogen dem armen Seemann im Sturm gönnen. Im ersten Satz stürmen Wind und Wellen erbarmungslos auf sein Schiff ein, im Finale türmen sich die Wogen im Dreiertakt noch höher auf. Ob das Schiff sicher den Hafen erreicht?

https://www.youtube.com/watch?v=ZntXK17FZBg

Fagottkonzert B-Dur La notte, RV 501

Vivaldis Fagottkonzert über die Nacht, La notte, ist weit weniger berühmt als sein gleichnamiges Flötenkonzert, aber nicht weniger eindrucksvoll. Vivaldi hat es nach dem gleichen Muster entworfen wie das Flötenkonzert, aber mit einer besonderen Überraschung am Schluss: einem zarten Sonnenaufgang über Venedigs Kanälen. Unsere Stipendiatin Eugénie Ricard aus Bordeaux tritt in die Fußstapfen einer unbekannten venezianischen Fagottistin, für die Vivaldi dieses Konzert geschrieben hat. 

https://www.youtube.com/watch?v=LY3oxraoybw

Flötenkonzert g-Moll La notteop. 10 Nr. 2

Vivaldis berühmtestes Flötenkonzert stellt die Geisterstunde in einem venezianischen Palazzo dar: unheimliche Einleitung, wilder Auftritt der Gespenster um Mitternacht, düsterer Schlaf und ein furioses Finale. Unser Stipendiat Theodore Squire spielt auf der Böhmflöte die klassische Version aus Vivaldis Flötenkonzerten Opus 10. Die Streicher schlüpfen unter der Leitung von Lina Tur Bonet in die Rolle der Gespenster.

https://www.youtube.com/watch?v=LfjuKUdF39g

Violinkonzert a-Moll, op. 9 Nr. 5 (aus La Cetra)

Eines der schönsten Violinkonzerte aus Vivaldis Opus 9 „La Cetra“ von 1727, gewidmet Kaiser Karl VI. in Wien. Es war auch ein Lieblingskonzert des Dresdner Konzertmeisters Pisendel. Unser Stipendiat Nikita Geller brilliert solistisch auf einer Violine des Venezianers Santo Serafin von 1751 aus der Landessammlung Rheinland-Pfalz. Die vier Sätze gehen nahtlos ineinander über, die Atmosphäre ist winterlich melancholisch. In den schnellen Sätzen darf Nikita Geller in virtuosen Passagen und Arpeggios glänzen.

https://www.youtube.com/watch?v=EFMhtvcj2D0

Vivaldi bei Villa Musica – eine Erfolgsgeschichte

von Karl Böhmer

Seit 2013 heißt es bei Villa Musica alljährlich im Dezember „Vivaldi im Advent“. Seitdem füllen sich Jahr für Jahr die Konzerträume der Villa Musica mit begeistertem Publikum: Die Steinhalle des Mainzer Landesmuseums, der Dianasaal von Schloss Engers, die Schlosskapelle in Meisenheim, die Peterskirche in Bad Hönningen und die Stadthalle in Kirchheimbolanden – sie alle wurden im Advent schon in wahre Vivaldi-Tempi verwandelt. Denn die Aussicht darauf, die Stipendiatinnen und Stipendiaten unserer Stiftung einmal als virtuose Solisten in Solo- und Gruppenkonzerten zu erleben, zieht die Menschen ebenso magisch an wie der unverwechselbare Vivaldi-Klang.

Vivaldi im Advent

„Vivaldi im Advent“ – das ist bei Villa Musica beinahe ein Zauberwort. Was nach fadem Einerlei klingen könnte – sieben oder acht Vivaldi-Konzerte an einem Abend –, entpuppt sich alljährlich als ungetrübter Konzertgenuss, nicht nur zur Einstimmung auf Weihnachten. Dazu tragen viele Komponenten bei. Unsere Stipendiatinnen und Stipendiaten haben spürbar Lust daran, sich in Vivaldis virtuosen Solokonzerten zu bewehren, und sich gleich danach in den raffinierten Klangteppich eines Concerto da camera einzuweben. Voraussetzung dafür ist ein möglichst abwechslungsreiches Programm, das ich jedes Jahr von Neuem mit dem Vivaldi-Werkeverzeichnis auf dem Schreibtisch entwerfen darf. Keine zwei Stücke im Lauf eines Abends, die einander in der Besetzung gleichen. Hinzu kommt eine prominente Dozentin oder ein Dozent: Jedes Jahr von neuem prägt eine Koryphäe der Alten Musik den Interpretationen ihren Stempel auf. Der Vivaldi eines Reinhard Goebel oder Sergio Azzolini klingt dabei ganz anders als der von Jaap ter Linden, Christophe Coin oder Chouchane Siranossian. Diese faszinierenden Dozentinnen und Dozenten konnte das Publikum in den letzten Jahren erleben. Für unsere Stipendiatinnen und Stipendiaten war es die große Chance, an Vivaldi ihren barocken Stilbegriff zu schulen – auch ganz praktisch im Umgang mit den Barockbögen, die von einem großzügigen FREUND der Villa Musica gestiftet wurden.

Vivaldi-Winter 2021

Unserer letzten Vivaldi-Dozentin war es nicht vergönnt, vor Publikum zu musizieren: Lina Tur Bonet, ihres Zeichens Barockgeigerin aus Spanien und vor 15 Jahren selbst Stipendiatin der Villa Musica, konnte nur mit freiwilliger Karantäne aus ihrer Heimat nach Schloss Engers anreisen. Das Musizieren fand hinter verschlossenen Türen statt: Der November-Lockdown 2020 wurde in den Advent hinein verlängert, die Konzerthäuser der Villa Musica blieben geschlossen. Kurzerhand entschied unser Künstlerischer Direktor Alexander Hülshoff, dass Vivaldi bei Villa Musica trotzdem stattfinden soll – als aufwendige Video-Produktion im Arp Museum Bahnhof Rolandseck. Also zogen Lina Tur Bonet und ihre jungen Mitspieler nach negativen Corona-Tests und intensiven Proben am 11. Dezember in den Festsaal des alten Bahnhofs Rolandseck, um Vivaldi für Kameras und Mirkos einzuspielen – nicht das Gleiche, wie sich von der Begeisterung des Publikums tragen zu lassen, aber doch eine faszinierende Reise durch Vivaldis Klangwelten. Aus „Vivaldi im Advent 2020“ wurde der „Vivaldi-Winter 2021“: sechs Vivaldi-Konzerte, die Woche für Woche auf unserer Homepage neu zum Ansehen und Anhören bereitgestellt werden.

Vivaldis Magie

Die sechs Konzerte, die im Film festgehalten wurden, lassen viel von der Erfindungskraft des großen Venezianers, seinem Gespür für instrumentale Virtuosität und stimmungsvolle Klangvaleurs spüren: die Violinkonzerte in a-Moll und G-Dur aus Opus 9 La Cetra; das Flötenkonzert La notte und das Fagottkonzert gleichen Namens; ein Oboenkonzert in a-Moll und das Gruppenkonzert Tempesta di mare. Was macht diesen Vivaldi so anziehend, dass ihm weder Musiker noch Publikum widerstehen können? Ist es der Traum von Venedig, die Sehnsucht nach der „guten, alten“ Barockmusik oder schlicht die Genialität eines Musikers, der die moderne Konzertform erfand und sie in allen ihren Facetten ausgekostet hat?

Vivaldis Erfindung

Bach und seine Zeitgenossen haben sich vor allem für das Letztere interessiert: Vivaldis Erfindung des Solokonzerts. Ihm ist zuerst der wohlgeordnete Wechsel zwischen dem „Ritornell“, also einem prägnanten, mehrfach wiederkehrenden Thema der Streicher, und diversen Soloepisoden gelungen. Und er hat entdeckt, dass zwei Allegros um ein zartes Largo die ideale Form des Solokonzerts darstellen, denn so kann der Solist in den Ecksätzen Kraft und Virtuosität entfalten, während der Mittelsatz dem rührenden Cantabile vorbehalten bleibt. Auf diesen Prinzipien beruhen alle späteren Solokonzerte von Mozart über Beethoven und die Romantiker bis hin zu Brahms und Tschaikowsky. Dabei gab Vivaldi jedem Instrument „das, was es leiden kann“, wie es sein Zeitgenosse Telemann ausgedrückt hat: Er fand für die diversen Soloinstrumente eine unverwechselbare Klangsprache, nicht nur für sein Instrument, die Violine, sondern auch für Violoncello, Trompete, Oboe, Fagott, Block- und Querflöte. In der täglichen Arbeit mit den „Zitelle“, den jungen Frauen am Ospedale della Pietà, entwickelte er ein Laboratorium der virtuosen Möglichkeiten. Bis heute gehören Vivaldi-Konzerte zum festen Repertoire angehender Instrumentalvirtuosen: kein junger Flötist, der sich nicht an La notte oder Il gardellino versucht hätte, kein Geigen-Eleve ohne das a-Moll-Konzert aus Opus 3. Und wo blieben die Fagottisten ohne Vivaldis 37 (oder 38) Konzerte für ihr Instrument?

Vivaldi beließ es aber nicht bei der Form des Solokonzerts, sondern mischte die Instrumente in Gruppenkonzerten, auch in intimen Concerti di camera für wenige Instrumente und Continuo – eine ideale Form für Villa Musica. Unwiderstehlich ist der Inhalt, mit der er die neue Form füllte: die Magie seiner Klangflächen, die Deutlichkeit seiner Klangmalereien, die Prägnanz seiner thematischen Einfalle. Seine Tutti-Themen „zünden“, sie entfalten barocke „Motorik“ und eine auf simple Quintverhältnisse gegründete „Logik“ im Harmonischen. Seine Soli reizen die gesamte Fallhöhe des Instruments aus, von den höchsten bis in die tiefsten Lagen, von den schnellsten Passagen bis zum ruhigsten Sostenuto.

Vivaldis Ruhm

All dies war anno 1711, als er seine Epoche machenden Concerti Opus 3 veröffentlichte, brandneu. Deshalb übten diese Stücke eine solche Faszination auf Musiker in ganz Europa aus. 1714 leitete der junge Bach als Konzertmeister der Weimarer Hofkapelle Vivaldis Concerti Opus 3 von der ersten Geige aus. Gleichzeitig versuchte er, in eigenen Bearbeitungen der schwersten Konzerte zu beweisen, dass er auf den Tasten der Orgel und des Cembalos die gleiche atemberaubende Brillanz entfalten könne wie der Venezianer auf der Violine. Noch 20 Jahre später gehörten Vivaldis Konzerte selbstverständlich zum Repertoire des „Bachschen Collegium musicum“, wenn der Thomaskantor die Leipziger und die Messebesucher jeden Freitagabend für zwei Stunden in die weite Musikwelt Europas entführte. Unzählbar die Vivaldi-Konzerte, die Bach auf diese Weise geleitet haben dürfte. Zwar sind die Programme seines Collegium musicum verloren, doch kennt man das Repertoire des Ulmer Collegium Musicum aus der gleichen Zeit: Kein Komponist war dort häufiger vertreten als Vivaldi. Außerdem bearbeitete Bach in Leipzig Vivaldis h-Moll-Konzert für vier Violinen als a-Moll-Konzert für vier Cembali, BWV 1065 – ein Denkmal für die Kunst des großen Venezianers.

Bei Hofe das gleiche Bild wie in den Städten: Wenn Bach nach Dresden kam, hörte er dort Vivaldis Konzerte. Wenn sich Ludwig XV. in Versailles an Musik erfreuen wollte, bat er seinen Geiger Guignon, Vivaldis Frühlingskonzert zu spielen. Wenn sich der Fürstbischof von Würzburg in der Residenz eine Mußestunde gönnte, bat er seinen Bruder aus dem nahen Wiesentheid, einige kostbare Vivaldi-Konzerte aus seiner Sammlung mitzubringen. Vivaldis Konzerte waren Kostbarkeiten, und sie waren ein europäisches Phänomen. Von Lissabon bis Petersburg, von London bis Neapel gab es keinen musikalischen Haushalt von Rang, der nicht über Vivaldi-Handschriften oder die schönen Amsterdamer Ausgaben verfügte, nach denen man noch heute musizieren kann. Noch um 1780 hörte der englische Botschafter in Neapel, Lord Hamilton – Ehemann der notorischen Lady Hamilton, die als Nelsons Geliebte in die Geschichte einging – lieber Vivaldis Konzerte als die Buffa-Musik eines Paisiello oder Cimarosa. Französische und deutsche Vivaldi-Fans, die um 1740 in die Lagunenstadt kamen, wunderten sich, dass der Meister dort so viel weniger Ansehen genoss als überall sonst in der weiten Musikwelt. Vivaldi war ein europäisches Phänomen.

Vivaldis Methode

Trotz all seiner überbordenden Fantastik, trotz der Eisläufer und zwitschernden Vögel in den Vier Jahreszeiten, trotz La notte und Tempesta di mare ist der Erfolg der Vivaldi-Konzerte immer auch ein pädagogischer gewesen: Dieser Komponist war sein ganzes Leben lang ein leidenschaftlicher Geigenlehrer und Orchesterleiter. Seine viel bewunderten Schülerinnen am Ospedale lernten an seiner Musik das Wesentliche: den einheitlichen, gleichmäßigen Bogenstrich, das absolut koordinierte Räderwerk von Auf- und Abstrich, von daktylischen und anapästischen Rhythmen, also genau jene Ebenmäßigkeit und Präzision, die um 1700 als die Revolution des italienischen Stils galt. Hinzu kamen die besonderen Klangeffekte wie Tremolo und UnisonoPizzicato und Sul ponticello. Und natürlich die Ausdrucksnuancen des gusto italianoAgilità und AgitatoGrazioso und Cantabile.

Noch heute sind die Disziplin und die Methode dieses Stils alles andere als leicht zu bewältigen. Man denke nur an Vivaldis rauschende Klangflächen und rasend schnelle Läufe. Oder an die Gretchenfrage, wie denn seine langsamen Sätze zu verzieren seien. Sie unverziert aufzuführen, wie man sie heute meistens hört, hätte im 18. Jahrhundert als geschmacklos gegolten. Vivaldi bleibt also eine Herausforderung auch für kommende Generationen. Zum Thema „Vivaldi im Advent“ gibt es bei Villa Musica noch viel zu sagen und viel zu hören.