Adventskalender 30.11.
Wie an jedem Adventssonntag geht es heute um eine Bachkantate: „Nun komm der Heiden Heiland“, BWV 62, wiederaufgeführt am 30.11.1732.
Bach in Leipzig, 30. November 1732
von Karl Böhmer
Zufrieden kehrte Johann Sebastian Bach am ersten Adventssonntag 1732 in seine Leipziger Kantorenwohnung zurück. Gerade hatte er seine h-Moll-Kantate über den Choral „Nun komm der Heiden Heiland“ wiederaufgeführt: mit dem Jurastudenten Ephraim Jacob Otto als Bass-Solisten und seinem bewährten Tenor Carl Christian Vetter, der schon in der Markuspassion im Vorjahr einen glänzenden Evangelisten abgegeben hatte. Mit solchen Sängern konnte er die schweren Arien dieser Kantate wagen! Wie angenehm lebte es sich in der frisch renovierten Thomasschule, die im Juni mit einer Festkantate aus seiner Feder eingeweiht worden war! Wie inspirierend wirkte der neue Rektor Gesner: unter ihm machte es keine Schwierigkeiten, die besten Sänger zu Kantatenproben vom Unterricht zu befreien. Auch die Familie gedieh prächtig. Das kleine Söhnchen Friederich mit seinen gerade mal fünf Monaten tröstete die Eltern über den Verlust der Tochter Christina Dorothea hinweg, die im August mit nicht einmal eineinhalb Jahren gestorben war. Alles Leben lag in Gottes Hand! Doch nun freute sich Frau Bach auf ein Weihnachtsfest im Kreis der Familie. Carl hatte sich im Vorjahr an der Leipziger Universität immatrikuliert, Friedemann und Gottfried Bernhard lebten auch noch zuhause. Der achtjährige Gottfried Heinrich und das siebenjährige Lieschen waren die ganze Freude der Eltern, während die Älteste Catharina der Stiefmutter wie stets zur Hand ging. Weihnachten stand praktisch vor der Tür. Also musste sich auch der Herr Musikdirektor nach dem Mittagsmahl die Weihnachtsstücke vornehmen, um sie auf Verbesserungen durchzuschauen. Im Juni hatte er begonnen, seinen zweiten Leipziger Jahrgang aus Choralkantaten nach acht Jahren wieder aufzuführen. Noch klang ihm Luthers wunderschöner Adventschoral im Ohr: „Nun komm der Heiden Heiland".
Luthers Adventschoral
Wie stimmt man die Gläubigen auf Weihnachten ein, auf die Ankunft des Heilands auf Erden? Für Bach gab es auf diese Frage eine einfache Antwort: mit Luthers Choral „Nun komm der Heiden Heiland“. Als der Reformator anno 1524 den Aventshymnus des Hl. Ambrosius „Veni redemptor gentium“ in einen ebenso eingängigen wie knappen Choral verwandelte, schenkte er seinen Gemeinden genau jenes prägnante Adventslied, das die Lutheraner bis heute mit Inbrunst singen. Denn wie meinte schon Liselotte von der Pfalz, die katholische Schwägerin des Sonnenkönigs, die von ihrer Tante Sophie von Hannover protestantisch erzogen worden war? „Dr. Luther weiß ich’s recht Dank, hübsche Lieder gemacht zu haben; ich glaube, daß dies vielen Lust geben hat, lutherisch zu werden, denn das hat etwaß Lustigs, aber die Mystiken mit ihrer contemplation wären meine Sache gar nicht.“ In der Tat: Prägnanter als in den folgenden vier Zeilen hätte der Reformaor das Geheimnis des bevorstehenden Weihnachtsfestes nicht zusammenfassen können:
Nun komm, der Heiden Heiland,
Der Jungfrauen Kind erkannt,
Des sich wundert alle Welt:
Gott solch Geburt ihm bestellt.
Doppelkonzert als Eingangschor
Von keiner Choralmelodie haben sich mehr Bachsche Bearbeitungen in Kantaten und Orgelchorälen erhalten als von „Nun komm der Heiden Heiland“. Am 30. November 1732 überraschte Bach die Gemeinde in der Nikolaikirche noch einmal – wie schon anno 1724 – mit einem Doppelkonzert in h-Moll für zwei Oboen und Streichern, das auf wunderbar vitale Weise das Kommen des Erlösers ankündigt. Alles in diesem Satz kreist um die erste Choralzeile „Nun komm der Heiden Heiland“, die zuerst in den Orchesterbässen zitiert wird, dann in den Oboen, bevor sie der Chor aufgreift. Die Orchestermotive rund um das Choralzitat sind von der freudigen Erwartung auf das Kommen des Erlössers geprägt: ein Freudenmotiv in den Oboen und ein plötzliches Aufleuchten in den Streichern – Sinnbild jenes Lichts, das Jesus in die Welt bringen wird. Nach dem mitreißenden Orchestervorspiel im Stil eines italienischen Concerto greifen die Männerstimmen die erste Choralzeile imitierend auf, bevor sie in den Sopranen als Cantus firmus in langen Notenwerten erscheint: „Nun komm der Heiden Heiland“. Die zweite Zeile „Der Jungfrauen Kind erkannt“ erklingt im kompakten vierstimmigen Satz, die dritte Zeile „Des sich freuet alle Welt“ wird von jubelnden Koloraturen der Männerstimmen untermalt. Und weil die vierte Choralzeile mit der ersten melodisch übereinstimmt, kommt es sogar zu einer regelrechten Reprise: „Gott solch Geburt ihm bestellt“. In Bachs Autograph kann man sehen, wie sehr er am Orchestervorspiel gefeilt hat, während ihm der Chorsatz fast ohne Korrekturen aus der Feder floss. Die Imitationen eines vierstimmigen Chorsatzes niederzuschreiben, war für ihn organistisches Handwerk. Ein eingängiges Ritornell im italienischen Concerto-Stil zu schreiben, war dagegen eine Frage der „Inventio“, der melodischen Eingebung, an der Bach stets länger zu feilen hatte.
Tenorarie
Auf das Choralkonzert zu Beginn folgt eine der schönsten Tenorarien, die Bach geschrieben hat: ein Tanzsatz für Orchester im heiteren G-Dur, ein „Passepied“, dessen Melodie der Sänger in schier endlos langen Koloraturen ausschmückt. Ein so schweres Stück war sicher nicht für einen siebzehnjährigen Tenor der Thomasschule bestimmt, sondern für einen Profi, wahrscheinlich für den Leipziger Tenor Carl Christian Vetter. Der Sohn des ehemaligen Organisten der Leipziger Nikolaikirche hatte unter Bachs Leitung zwei Jahre lang in der Köthener Hofkapelle gesungen, von August 1718 bis Juli 1720. Danach kehrte Vetter in seine Heimatstadt zurück. Als Bach im Mai 1723 sein Amt als neuer Musikdirektor antrat, muss sich Vetter auf seinen ehemaligen Hofkapellmeister gefreut haben. Wie eng die Beiden nun wieder zusammenarbeiteten, kann man daran ablesen, dass sie im Juli 1724 zusammen mit Anna Magdalena Bach zu einem Gastspiel nach Köthen zurückkehrten – wenige Monate vor der Uraufführung der Adventskantate BWV 62. Eines der Köthener Glanzstücke in Vetters Repertoire war die Eingangsarie der fürstlichen Neujahrsmusik zum Jahr 1720, ein Lobpreis Gottes als „Sonne des Lebens“, womit gleichzeitig die fürstliche Sonne gemeint war:
Dich loben die lieblichen Strahlen der Sonne, / O Sonne des Lebens, die alles erfreut. / Dich rühmen die Menschen mit frohem Gemüthe, / O Höchster! der seine vollkommene Güte / In unserer Sonnen des Landes erneut.
Nicht zufällig stimmt dieser Text mit der Tenorarie aus BWV 62 im Metrum überein: Wie man an Bachs Partitur sehen kann, hat er sie nicht neu komponiert, sondern als makellose Reinschrift von einer Vorlage abgeschrieben. Der Stil entspricht seinen typischen Köthener Serenaden, man hat es also mit einer klassischen „Parodie“ zu tun. Bachs unbekannter Textdichter verwandelte die Strahlen der Sonne in das Erscheinen des höchsten Beherrschers. Die langen Koloraturen, die anno 1720 die Sonne über Köthen aufgehen ließen, verneigten sich nun vor dem Herrscher der Welt. Man kann sich leicht vorstellen, wie Bach diese Übernahme mit seinem Tenor Vetter abgestimmt hat. Vielleicht hatte sich der Sänger sogar gewünscht, dieses wunderbare Stück auch in Leipzig einmal singen zu können:
Bewundert, o Menschen, dies große Geheimnis, / Der höchste Beherrscher erscheinet der Welt. / Hier werden die Schätze des Himmels entdecket, / Hier wird uns ein göttliches Manna bestellt, / O Wunder! Die Keuschheit wird gar nicht beflecket.
Bassarie
Auch den Bassisten hat Bach in BWV 62 mit einer brillanten Arie ausgestattet. Bei der Uraufführung anno 1724 war dies Johann Christoph Lipsius, damals gerade als Student an die Leipziger Universität gekommen. Er entwickelte seine stimmlichen Fähigkeiten unter Bachs Leitung so glänzend, dass er 1727 als Hofmusiker nach Merseburg engagiert wurde. Für ihn hat Bach in der Kantate BWV 62 eine wahre Bravourarie geschrieben, „Streite, siege, starker Held“. Wie ein Händelscher Opernheld tritt der Bassist im Sturmlauf heroischer Koloraturen auf, während die Streicher unisono mit dem Bass unablässig ein martialisches Motiv wiederholen – ein wahres Glanzstück unter Bachs Arien, das sicher auch sein späterer Bassist Ephraim Jacob Otto 1732 mit Bravour absolvierte.
Danach überraschte der Thomaskantor die Gemeinde mit einem Vorgeschmack auf Weihnachten: In einem lieblichen Duett-Rezitativ führten zwei Knabenstimmen der Thomasschule die Gläubigen schon einmal an die Krippe – drei Wochen vor Heiligabend. Die letzte Strophe von Luthers Choral beschloss die Kantate im schlichten vierstimmigen Satz. Derart eingestimmt und erhoben, konnte die Gemeinde andächtig der einstündigen Predigt lauschen. So mancher Zuhörer mag dabei noch die Melodien der Bachschen Kantate im Ohr gehabt haben.
Zum Hören:
Bachs Kantate „Nun komm der Heiden Heiland“ BWV 62 mit Chor und Orchester der Niederländischen Bachvereinigung auf historischen Instrumenten unter der Leitung von Jos van Veldhoven. Ariensolisten sind zwei der besten englischen Bachsänger: der Bariton Peter Harvey und der Tenor Nicolas Mulroy, der beim Festival RheinVokal vor Jahren mit einem Bach-Abend zu Gast war.