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Alle Bonner Studierenden kennen die Regina Pacis über dem Eingang zur Universität. Auch Joseph Haydn schritt unter ihr durch, als er 1790 zur Weihnachtsmesse am Bonner Hof eilte.

Abschied von Haydn 1790

Am 15.12.1790 brach Joseph Haydn in das größte Abenteuer seines Lebens auf: die Reise nach London. Am Vorabend wurde er von Mozart mit einem Abendessen und einem Streichquintett verabschiedet.

Abschiedsmahl in Wien

Es war ein fröhliches Abschiedsmahl, das Mozart am 14. Dezember 1790 seinem Freund Joseph Haydn gab, bevor sich Letzterer zur großen Reise nach London aufmachte. Wie in Wien so üblich tauschte man kleine Sticheleien unter Freunden aus. Der 30-jährige Mozart zum 58-jährigen Haydn: „Du wirst es nicht lange aushalten und wohl bald wieder zurückkommen, denn du bist nicht mehr jung.“ Darauf Haydn: „Ich bin aber noch munter und bei guten Kräften.“ Der weltgewandte Mozart, der zehn Jahre seines Lebens auf Reisen verbracht hatte und Englisch wie Französisch und Italienisch fließend sprach, hatte seine Zweifel, ob der Provinzler Haydn den Anforderungen der Weltstadt gewachsen sein würde. Auf seine geringen Sprachkenntnisse angesprochen, soll Haydn mit dem berühmten Satz gekontert haben: „Meine Sprache, die Musik, versteht man auf der ganzen Welt“.

„Munter und bei guten Kräften“

Haydns Entschluss, zum ersten Mal in seinem Leben Österreich zu verlassen, war ohne Vorwarnung gefallen. Plötzlich hatte ein Besucher aus London in seiner Tür gestanden und ihm ein Engagement unterbreitet, das er nicht ausschlagen konnte. Es war Johann Peter Salomon, seines Zeichens Geiger und früherer Kapellmeister beim Prinzen Heinrich von Preußen, nun der erfolgreichste Konzertmanager Londons. Zufällig war er auf dem Kontinent unterwegs, als er in einer Kölner Zeitung von den dramatischen Ereignissen in Eisenstadt las: Der neue Fürst Esterházy hatte die berühmte Hofkapelle seines Vaters entlassen und Haydn freigestellt. Salomon witterte die Chance seines Lebens. Kaum in Wien angekommen, stellte er sich mit einem knappen Satz bei Haydn vor: „Ich bin Salomon aus London und komme, um Sie abzuholen; morgen werden wir einen Akkord schließen.“ Tatsächlich wurden sich der Manager aus London und der Compositeur aus Wien schnell handelseinig. Schon am 15. Dezember reisten die beiden gen Nordwesten.

Nicht nur musikalisch war Haydn bestens gerüstet: Der Handwerkersohn aus Niederösterreich, der Jahrzehnte lang im treuen Dienst des Hauses Esterházy kaum über Eisenstadt hinausgekommen war, erwies sich auf der großen Reise als erstaunlich zäh und wendig, getragen von seiner Neugier, seinem gesunden Gottvertrauen und seinem Geschäftssinn. Salomon, der ihn nach London eingeladen hatte und auf der Reise begleitete, wusste dass Haydn seine neuesten Symphonen mit sich nahm, vor allem die später so genannte „Oxford Symphony“. Haydn wiederum freute sich auf die Aussicht, eine Opera seria für die Londoner Oper zu schreiben, die freilich nie zur Aufführung gelangen sollte: L'anima del filsofo, seine Version des Orpheus-Mythos. Mozarts Befürchtungen waren also unbegründet, nicht aber die düstere Vorahnung, die beide Komponisten beim Lebewohl beschlich. Beide spürten plötzlich – so haben es die Zeitgenossen empfunden –, dass sie sich niemals wiedersehen würden. Natürlich dachten die Wiener Freunde eher daran, dass der „alte“ Haydn von der weiten Reise nicht zurückkehren werde. Dass es Mozart war, der kein Jahr mehr zu leben hatte, konnte keiner ahnen.

Abschiedsquintett KV 593

Ihren letzten gemeinsamen Abend verbrachten die beiden in Mozarts Wohnung nicht nur mit dem festlichen Nachtmahl, sondern auch mit Musik. „Im Decembre“ trug Mozart ein neues Streichquintett in sein eigenhändiges Werkverzeichnis ein – das D-Dur-Quintett KV 593. Es war für seine „Quartettsubskription“ bestimmt, also für Kammerkonzerte gegen Eintritt, die er im Advent 1790 veranstalten wollte, wie er schon im Oktober von Frankfurt aus seiner Gattin Constanze angekündigt hatte. Gut möglich, dass sein Abschiedsmahl für Haydn mit einem solchen Kammerkonzert verbunden war, hatten die beiden Komponisten doch die schöne Angewohnheit, sich die Bratschenstimmen in Mozarts Streichquintetten zu teilen. Was hätte es für Haydn Anregenderes geben können, als kurz vor der großen Reise in einem neuen Quintett seines Freundes Mozart die erste Bratsche zu spielen?

Falls Mozart sein D-Dur-Quintett tatsächlich zu Haydns Abschied komponiert hat, würde dies den melancholischen Charakter der langsamen Einleitung erklären. Mit dem Cellosolo zu Beginn und der schmerzlichen Antwort der hohen Streicher wirkt wie sie wie eine Abschiedsszene, ein Les Adieux: Haydn (Cello) muss von seinen Wiener Freunden (Geigen und Bratschen) scheiden. Das burschikose Marschthema des folgenden Allegro könnte man dann wie den Aufbruch in die weite Welt deuten, wo den Wanderer manche Störungen erwarten. Kurz vor Schluss aber kehren die Schatten der Einleitung wieder: Sie erklingt ein zweites Mal, noch schmerzlicher als zu Beginn. Seinem Freund Haydn werden die Feinheiten des ersten Satzes ebenso wenig entgangen sein wie die latente Trauer des G-Dur-Adagios, die raffinierten Kanons im Menuett und die Doppelfuge im chromatischen Finale. All dies nahm er mit auf seine weite Reise und merkte es sich gut für seine „Londoner Sinfonien“

Unwirtliche Weihnachtsreise

Tags darauf saßen Haydn und Salomon in der Kutsche Richtung Kanalküste. Über München näherten sie sich allmählich dem Rheintal. Es war eine unwirtliche Weihnachtsreise, die Haydn zwar beschwingt antrat, aber im Verlauf immer missmutiger über sich ergehen ließ – wegen „der Unordnung des Schlafs, verschiedenen Speisen und Getränks“. Im langsamen Reisetempo des späten 18. Jahrhunderts gelang es den beiden nicht mehr, vor dem Fest London zu erreichen. So hatte sich Haydn das Weihnachtsfest des Jahres 1790 sicher nicht vorgestellt: als Reisender auf dem Weg zwischen Wien und London bei schlechtestem Wetter mitten im Rheintal. Gott sei Dank gab es den Bonner Hof, wo ihn zum Weihnachtsfest eine Überraschung erwartete.

Weihnachten in Bonn

Kurfürst Max Franz von Köln, der jüngste Bruder von Kaiser Leopold II. und erzmusikalische Habsburger, war offenbar von Salomon vorgewarnt worden, denn er bereitete dem berühmten Gast aus Wien einen königlichen Empfang. Haydn selbst erzählte die Geschichte Jahre später dem Landschaftsmaler Albert Christoph Dies, der sie 1810, ein Jahr nach des Meisters Tod, in seinen Biographischen Nachrichten von Joseph Haydn veröffentlichte. Dort heißt es auf S. 78 über das Weihnachtsfest in Bonn: „In der Residenzstadt Bonn wurde er auf mehr als eine Art überrascht. Er traf daselbst an einem Sonnabend ein und bestimmte den folgenden Tag zur Ruhe.“ Dass es sich dabei um Heiligabend und den ersten Weihnachtsfeiertag handelte, hat Dies seltsamerweise verschwiegen. Sie fielen anno 1790 tatsächlich auf Samstag und Sonntag. Die Heilige Nacht verbrachte der Komponist mit Salomon in einer Bonner Wohnung, die im vorhinein für den Aufenthalt gebucht worden war – AirBnB anno 1790.

Am ersten Feiertag gingen die beiden zur Messe in die kurfürstliche Residenz: „Salomon führte Haydn am Sonntage in die Hofkapelle, eine Messe anzuhören; kaum waren Beyde in die Kirche eingetreten, und hatten sich einen schicklichen Platz gewählt, so nahm das Hochamt seinen Anfang. Die ersten Accorde kündigten ein Werk der haydn’schen Muse an. Unser Haydn hielt es für einen Zufall, der sich so gefällig gegen ihn bezeigte, ihm schmeicheln zu wollen; indessen war es ihm sehr angenehm, sein eigenes Werk mit anzuhören.“ Leider ist nicht überliefert, um welche Haydn-Messe es sich handelte. Da die sechs späten Messen noch nicht geschrieben waren, wählten die Bonner Musiker vielleicht Haydns erste Missa Cellensis, also „Mariazeller Messe“. Im Hörbeispiel ist das bewegende Incarnatus aus dieser Messe zu hören, eines von Haydns schönsten Tenor-Soli, bestehend aus einem streicherbegleitenden Rezitativ und einer innigen Arie.

Weiter heißt es im Bericht über Haydns Bonner Weihnachtfest: „Gegen das Ende der Messe, näherte sich eine Person und lud ihn ein, sich in das Oratorium zu begeben, woselbst er erwartet würde. Haydn begab sich dahin, und war nicht wenig erstaunt, als er sah, daß der Churfürst Maximilian ihn dahin hatte rufen lassen, ihn gleich bey der Hand nahm und ihn seinen Virtuosen mit den Worten vorstellte: ‚da mache ich sie mit ihrem von ihnen so geschätzten Haydn bekannt.' Der Churfürst ließ beyden Theilen Zeit, einander kennen zu lernen,  und, um Haydn einen überzeugenden Beweis seiner Hochachtung zu geben, lud er ihn an seine Tafel. Haydn kam durch diese Einladung in nicht geringe Verlegenheit; denn er und Salomon hatten in ihrer Wohnung ein kleines Diner veranstaltet, es war schon zu spät um Abänderung zu treffen. Haydn mußte also zu Entschuldigungen die Zuflucht nehmen, die der Churfürst für gültig annahm. Haydn beurlaubte sich darauf, und begab sich nach seiner Wohnung, woselbst er von einem nicht erwarteten Beweise des Wohlwollens des Churfürsten überrascht wurde; sein kleines Diner war nämlich auf des Churfürsten stille Ordre in ein Großes zu 12 Personen, verwandelt, und die geschicktesten Musiker dazu eingeladen worden.“ Auf diese Weise konnte Haydn den Abend des ersten Weihnachtsfeiertags im gemütlichen Kreis von Seinesgleichen verbringen, statt sich der Neugier der Bonner Höflinge auszusetzen. Ob sich auch der junge Beethoven unter den „geschicktesten Musikern“ befand, die der Kurfürst an Haydns Tisch lanciert hatte?

Neujahr in England

Den weiteren Verlauf der Reise bis zur Ankunft in London hat Haydn wohlweislich mit keinem Wort erwähnt: „Haydn fand über den weiteren Fortgang der Reise bis London nichts anzumerken,“ schrieb Dies. Kaum jemals dürfte der Meister einen so unwirtlichen Silvesterabend erlebt haben wie in Calais: „Die eingefallene schlechte Witterung und der beständig anhaltende Regen verursachet, dass ich eben erst abends nach Calais angekommen und morgen früh um 7 Uhr über Meer nach London abgehen werde“, schrieb er an Frau von Genzinger. Am stürmischen Neujahrsmorgen wagten Haydn und Salomon die Fahrt über den Ärmelkanal. Für den 58-jährigen war es nicht nur der Beginn eines neuen Jahres, sondern der Auftakt zu einem neuen Lebensabschnitt. Das Abenteuer London begann – kaum zwei Wochen nach dem Abschied von Mozart und Österreich.

Zum Hören:

Mozart: Streichquintett D-Dur KV 593 mit Maria Wloszczowska, Raul Campos Violine; Klaus Christa, Imgesu Tekerler, Viola; Mar Gimferrer, Violoncello (Feldkirch, Vorarlberg, 2024)

https://www.youtube.com/watch?v=JwK890HDrkM

Haydn: Missa Cellensis Hob. XXII:5, Et incarnatus est, Richard Croft, Tenor; Les musiciens du Louvre, Marc Minkowski

https://www.youtube.com/watch?v=KXRG0R-GqzY

Haydn: Sinfonie Nr. 92 G-Dur „Oxford Sinfonie“, NDR Elbphilharmonie Orchester, Leitung: Thomas Hengelbrock

https://www.youtube.com/watch?v=3yNT2NJykZ4