News

Wieder auf den Hof zurückgekehrt: neun der 24 Büsten von Joseph Ignatius Feill aus dem Jahr 1760 auf den Pfeilern des Hofgitters (Foto: Karl Böhmer).

Büsten in Engers

Schloss Engers in Neuwied hat sich auf wundersame Weise verwandelt: 24 Büsten des Rokoko-Bildhauers Joseph Ignatius Feill aus dem Jahr 1760 beleben seit heute wieder das barocke Theatrum des Schlosshofs – eine Rokoko-Konversation in 24 unverwechselbaren Physiognomien von höchster künstlerischer Qualität.

Ein Büstenzyklus für das Hofgitter in Schloss Engers

Staatsminister Sven Teuber war sprachlos: Gleich bei seinem ersten Termin in Schloss Engers wurde er von der Fülle des Rokoko überwältigt. Erst der frisch restaurierte Büstenzyklus im Oval des Schlosshofs, dann der Dianasaal mit seinem Stuck und seinen Fresken bei der Pressekonferenz – die Freude stand dem rheinland-pfälzischen Minister für Kommunen, Bauen, Wohnen und Kultur förmlich ins Gesicht geschrieben, verbanden sich bei diesem Termin doch alle seine Ressorts in idealer Weise: die Kunstjuwelen der rheinland-pfälzischen Kommunen, in diesem Fall des Neuwieder Stadtteils Engers, Hochkultur des Wohnens und Bauens aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und die Kultur im Besonderen, die in Schloss Engers in musikalischer Form seit 30 Jahren erblüht, als Spitzenarchitektur seit bald 300 Jahren. Gemeinsam mit dem Neuwieder Oberbürgermeister Jan Einig übergab Sven Teuber den nach Engers zurückgekehrten Büstenzyklus von Joseph Ignatius Feill der Öffentlichkeit und legte bei der Aufstellung der letzten Büste selbst Hand an.

Minister Teuber würdigte die Villa Musica als Bauherrin in Schloss Engers und vor allem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Steinrestaurierungs-Werkstatt Bauer-Bornemann aus Franken, die auf dem Schlosshof alle Hände voll zu tun hatten, um jene 24 Büsten von 1760 wieder auf die Pfeiler des Hofgitters zu setzen. Nach einem Dornröschenschlaf von 55 Jahren sind sie an ihren angestammten Platz zurückgekehrt – so, als seien sie nie weg gewesen, frisch restauriert und so eindrucksvoll wie am ersten Tag. Höflinge aus vier Kontinenten, Allegorien der vier Jahreszeiten, ein Satyr, antikische Nymphen und groteske Narren bevölkern ab sofort wieder den Schlosshof. Im November wird auch der Rest der Hofausstattung installiert werden: große Vasen für die Eingangsseite des Schlosshofs und Skulpturen tanzender und musizierender Kinder für die Kavaliershäuser.

Viele Hände und Köpfe haben an diesem Projekt mitgewirkt: Bund und Land als Geldgeber der INK-Maßnahme, die diese Restaurierung erst ermöglicht hat, die Villa Musica Rheinland-Pfalz als Eigentümerin des Schlosses und Architekt Albert Diehl, die Generaldirektion Kulturelles Erbe und das Landesamt für Denkmalpflege, eifrige Bürger im Stadtteil Engers und das Bauamt Neuwied, last but not least Ulrich Bauer-Bornemann und sein Team von erfahrenen Steinrestauratoren. Karl Böhmer, Musikwissenschaftler und Nebenfach-Kunsthistoriker im Dienst der Villa Musica, hat sich intensiv mit der Ikonographie der Büsten beschäftigt und im Nachlass des Architektem Claus Mehs im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt historische Aufnahmen aus der Zeit um 1910 entdeckt. Sie waren für die Rekonstruktion der Anordnung auf den Pfeilern ebenso wichtig wie für Ergänzungen an verwitterten Stellen der Büsten. 

Zur Anordnung und Bedeutung der Engerser Büsten  

von Karl Böhmer

Das Kurfürstliche Schloss Engers verfügt über ein geschlossenes Hofgitter aus den frühen 1760er Jahren, dessen aufwendige schmiedeeiserne Ornamente wie auch die Gestaltung der Pfeiler und Stateken in den Bauakten im Landeshauptarchiv Koblenz detailliert dokumentiert sind. Diese „Engerser Fassung“ bildet den Unterbau für den im Rokoko einmaligen Skulpturenzyklus von Joseph Ignatius Feill, bestehend aus Büsten, Vasen und Kleinfiguren, die sich rund um den Hof gruppieren. 1760 schloss der Architekt Johannes Seiz mit dem aus Mannheim stammenden Bildhauer einen Vertrag über die „zur Engerser Fassung zu verfertigendte steinerne Figuren“ ab. Anzufertigen waren 24 Büsten für die Pfeiler des Hofgitters, vier große Vasen für die Verbindungspfeiler zum Eingangstor, zwei Wappenlöwen für das Portal und acht Figuren, die auf den Pfeilern der Kavaliershäuser aufgestellt werden sollten. Für diesen Zyklus von 38 Sandsteinskulpturen erhielt Feill ein Honorar von 224 Reichstalern.

Die Anordnung der Büsten auf den Pfeilern konnte mithilfe von Fotos aus dem Nachlass des bedeutenden Frankfurter Architekten und Architekturhistorikers Claus Mehs (1866-1946) rekonstruiert werden. Er forschte ab 1907 zu Schloss Engers und erstellte 1910 im Auftrag der preußischen Verwaltung erste Grundrisse der damaligen Kriegsschule Engers und ihres Hofes. Im Zuge seiner häufigen Aufenthalte im Schloss ließ er Fotografien von den Büsten auf ihren Pfeilern anfertigen, und zwar noch deutlich vor dem Ersten Weltkrieg, weil im Hintergrund noch mehrere Anbauten an das Hofgitter zu sehen sind, die 1914 schon nicht mehr standen. Im Nachlass von Mehs, der sich im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt befindet, sind acht der ursprünglich zwölf Fotos noch erhalten. Sie zeigen insgesamt 19 Büsten auf ihren Pfeilern. Eine 20. Büste ist durch eine Fotomontage in der Seiz-Biographie von Lohmeyer dokumentiert – offenbar die linke Hälfte eines Fotos von Mehs, das in Frankfurt nicht mehr vorliegt. Die Lücken in der Anordnung können dennoch geschlossen werden, weil die Büsten nach ihrer Abnahme im Zuge der Fotodokumentation durch das Landesamt für Denkmalpflege 1972 mit Nummern versehen wurden, die der Reihenfolge auf den Fotos im Mehs-Nachlass entsprechen. So hat jede Büste ihren eindeutigen Platz in einer gründlich dokumentierten Anordnung.

Die Frage nach dem Sinn dieser Anordnung und der Ikonographie lässt sich leider nicht mithilfe von historischen Dokumenten beantworten. In den Engerser Bauakten von 1756 bis 1763 ist kein entsprechender Beleg zu finden. Die Ikonographie kann also nur immanent, aus dem Wesen der dargestellten Personen, erschlossen werden. Dabei zeigt sich, dass Joseph Ignatius Feill und seine höfischen Auftraggeber auf übliche Elemente der Ikonographie von Barockschlössern zurückgriffen, nämlich zum einen auf die vier damals bekannten Erdteile, zum andern auf die vier Jahreszeiten.

Vier Erdteile und vier Jahreszeiten

Acht Büsten stellen eindeutig Herrscherpaare dar, die für die damals bekannten vier Erdteile stehen. Die beiden Fürstenpaare aus Afrika und Amerika führen die Büstenreihe des östlichen Hofgitters vom Kavaliershaus an, die Herrscher aus Asien und Europa stehen schräg gegenüber vor dem westlichen Seitenflügel des Schlosses. Die Erkennungsmerkmale sind die folgenden:
1. Das afrikanische Herrscherpaar ist an den negroiden Gesichtszügen und am gekräuselten Haar zu erkennen.
2. Das amerikanische Paar soll offensichtlich ein Fürstenpaar der Inka darstellen. Darauf deuten die indigenen Gesichtszüge des Mannes und sein besonderer Federschmuck hin.
3. Der asiatische Herrscher wird als einziger zwischen zwei Frauen gezeigt – eine Anspielung auf die Nebenfrauen der Osmanen im Serail. Alle drei tragen Turban, der Mann einen auffälligen, türkischen Schnurrbart.
4. Der europäische Herrscher trägt einen Federhut und eine Halskrause, angelehnt an den Stil des 17. Jahrhunderts. Ihm steht eine junge Frau im leichten Sommergewand mit Blumen im Haar zur Seite.

Zwei weitere Vierergruppen von Büsten könnten die Vier Jahreszeiten und die Vier Temperamente darstellen:
1. Vor dem rechten Seitenflügel des Schlosses standen fünf Büsten, von denen vier als Paare angeordnet waren, jeweils eine junge Frau und ein alter Mann mit Bart. Die erste junge Frau trägt Blumen im Haar, die zweite, heute verschollene Büste zeigte eine junge Frau mit Sommerhut und Ären von gemähtem Getreide auf dem Busen. Dabei kann es sich nur um Allegorien des Frühlings und des Sommers handeln. Die beiden Jahreszeiten Herbst und Winter wären dann (entsprechend der ikonographischen Tradition in Italien) als Männer dargestellt worden, wobei die Wintermütze des Mannes ganz rechts auf den Winter hinweist. Die fünfte Büste gehört nicht in die Reihe, sondern korrespondiert als chinesischer Gelehrter (Konfuzius?) zum Kontinent Asien auf der westlichen Seite.
2. Schräg gegenüber direkt am westlichen Kavaliershaus standen vier Büsten mit auffälligem Gesichtsausdruck, wieder jeweils Mann und Frau im Wechsel: eine Nymphe mit gesenktem Kopf und nachdenklichem Minenspiel, ein Mann mit Pilgergewand und Pilgerhut mit auffällig fröhlichem Gesichtsausdruck, eine Nymphe mit Umhang und seitlich geneigtem Kopf sowie ein Asiate mit Glatze und Pferdeschwanz, der den Mund auffällig aufreißt. Dabei könnte es sich um die vier Temperamente handeln: die Melancholie, dargestellt von einer in Gedanken versunkenen Frau, einen Sanguiniker, eine Phlegmatikerin und einen Choleriker.

Die restlichen drei Büsten auf jeder Seite vermitteln zwischen der fünfteiligen Büstengruppe südlich (zum Schloss hin) und der vierteiligen Büstengruppe vor dem Kavaliershaus. Dabei stehen die beiden Männer mit Mütze und grotesken Zügen, die man als Hofnarren deuten könnte, einander gegenüber und bilden so gleichsam die Mittelachse des Hofes. Oberhalb von ihnen folgt jeweils ein Paar.
1. Auf der westlichen Seite handelt es sich um zwei europäische Höflinge: einen jungen Mann mit Federhut und Halskrause im Stil des 17. Jahrhunderts und eine vornehme Hofdame mit Halsband und einem Blumendiadem.
2. Östlich sieht man eine Nymphe mit einer antikisch über den Kopf gezogenen Toga und einen lächelnden Satyr, offensichtlich ein Paar aus der römischen Antike.

Der Reichtum an „Inventio“, den Feill in diesem Zyklus an den Tag legte, lässt sich in diesem knappen Überblick nicht darstellen. Manche der männlichen und weiblichen Figuren sind einander in galanter Manier zugewandt, andere blicken in eine Richtung zum Schloss. Das Minenspiel ist ebenso expressiv wie die individuelle Wendung von Schultern und Hals, jeweils noch verstärkt durch die sorgfältig variierten Sockel. Jede Büste ist anders, selbst die beiden einander so ähnlichen „Hofnarren“ zeigen eine gänzlich andere Kopfneigung und Mimik. Auch die Gewänder und die Kopfbedeckungen, der Schmuck und die Haartracht offenbaren einen Einfallsreichtum, der im Umfeld der Rokokobüste in Deutschland einmalig sein dürfte.

Der Umstand, dass sich der berühmte fränkische Rokoko-Bildhauer Ferdinand Tietz durch Feills Engerser Zyklus zu etlichen seiner Parkskulpturen für Schloss Veitshöchheim bei Würzburg inspirieren ließ, belegt den vorbildlichen Rang und die herausragende künstlerische Qualität der Engerser Büsten. Der wiedererstandene Zyklus verleiht auch dem Aufenthalt des Mannheimers Feill am kurtrierischen Hof eine völlig neue Bedeutung. Diese frühen Werke stehen seinen späteren, für Münster in Westfalen geschaffenen Meisterwerken in nichts nach.