Büsten in Engers
Der Schlosshof in Engers erhält derzeit einer wichtigen Teil seiner historische Ausstattung zurück: 24 Büsten des Rokoko-Bildhausers Joseph Ignatius Feill aus dem Jahr 1760. Morgen um 12 Uhr werden Minister Sven Teubert und Oberbürgermeister Jan Einig das Ergebnis der Presse vorstellen.
Ein Büstenzyklus für das Hofgitter in Schloss Engers
von Karl Böhmer
Heute und morgen haben die Mitarbeiter der Steinrestaurierungswerkstatt Bauer-Bornemann aus Franken auf dem Schlosshof Engers alle Hände voll zu tun: Sie setzen jene 24 Büsten wieder auf die Pfeiler des Hofgitters, die dort 1760 aufgestellt und 1971 wieder abgenommen wurden – aus denkmalpflegerischen Gründen. Nach einem Dornröschenschlaf von 55 Jahren kehren sie an ihren angestammten Platz zurück – frisch restauriert und so eindrucksvoll wie am ersten Tag. Höflinge aus vier Kontinenten, Allegorien der vier Jahreszeiten, ein Satyr, antikische Nymphen und groteske Narren bevölkern ab sofort wieder den Schlosshof. Im Oktober wird auch der Rest der Hofausstattung installiert werden: große Vasen für die Eingangsseite des Schlosshofs und Skulpturen tanzender und musizierender Kinder für die Kavaliershäuser.
Viele Hände und Köpfe haben an diesem Projekt mitgewirkt: Bund und Land als Geldgeber der INK-Maßnahme, die diese Restaurierung erst ermöglicht hat, die Villa Musica Rheinland-Pfalz als Eigentümerin des Schlosses und Architekt Albert Diehl, die Generaldirektion Kulturelles Erbe und das Landesamt für Denkmalpflege, eifrige Bürger im Stadtteil Engers und das Bauamt Neuwied, last but not least Ulrich Bauer-Bornemann und sein Team von erfahrenen Steinrestaurierern.
Am Freitag, 18.9., um 12 Uhr stellen Sven Teuber, MInister für Kommunen, Bauen, Wohnen und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz, und Jan Einig, Oberbürgermeister der Stadt Neuwied, diese Rokoko-Sensation in Schloss Engers der Presse vor.
Zur Anordnung und Bedeutung der Engerser Büsten
Das Kurfürstliche Schloss Engers im gleichnamigen Neuwieder Stadtteil verfügt über ein geschlossenes Hofgitter aus den frühen 1760er Jahren, dessen aufwendige schmiedeeiserne Ornamente wie auch die Gestaltung der Pfeiler und Stateken in den Bauakten zu Schloss Engers detailliert dokumentiert sind. Diese „Engerser Fassung“ bildete den Unterbau für einen im Rokoko einmaligen Skulpturenzyklus aus Büsten, Vasen und Kleinfiguren, die sich rund um den Hof gruppierten. 1760 schloss der Architekt Johannes Seiz mit dem aus Mannheim stammenden Bildhauer Joseph Ignatius Feill einen Vertrag über die „zur Engerser Fassung zu verfertigendte steinerne Figuren“ ab. Anzufertigen waren 24 Büsten für die Pfeiler des Hofgitters, vier große Vasen für die Verbindungspfeiler zum Eingangstor, zwei Wappenlöwen für das Portal und acht Figuren, die auf den Pfeilern der Kavaliershäuser aufgestellt werden sollten. Für diesen Zyklus von 38 Sandsteinskulpturen erhielt Feill ein Honorar von 224 Reichstalern.
Die Anordnung der Büsten auf den Pfeilern kann mithilfe von Fotos aus dem Nachlass des bedeutenden Frankfurter Architekten und Architekturhistorikers Claus Mehs (1866-1946) rekonstruiert werden. Er forschte ab 1907 zu Schloss Engers und erstellte 1910 im Auftrag der preußischen Verwaltung erste Grundrisse der damaligen Kriegsschule Engers und ihres Hofes. Im Zuge seiner häufigen Aufenthalte im Schloss ließ er Fotografien von den Büsten auf ihren Pfeilern anfertigen, und zwar noch deutlich vor dem Ersten Weltkrieg, weil im Hintergrund noch mehrere Anbauten an das Hofgitter zu sehen sind, die 1914 schon nicht mehr standen. Im Nachlass von Mehs, der sich im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt befindet, sind acht der ursprünglich zwölf Fotos noch erhalten. Sie zeigen insgesamt 19 Büsten auf ihren Pfeilern. Eine 20. Büste ist durch eine Fotomontage in der Seiz-Biographie von Lohmeyer dokumentiert – offenbar die linke Hälfte eines Fotos von Mehs, das in Frankfurt nicht mehr vorliegt. Die Lücken in der Anordnung können dennoch geschlossen werden, weil die Büsten nach ihrer Abnahme im Zuge der Fotodokumentation durch das Landesamt für Denkmalpflege 1972 mit Nummern versehen wurden, die der Reihenfolge auf den Fotos im Mehs-Nachlass entsprechen. So hat jede Büste ihren eindeutigen Platz in einer gründlich dokumentierten Anordnung.
Die Frage nach dem Sinn dieser Anordnung und der Ikonographie der Büsten lässt sich leider nicht mithilfe von historischen Dokumenten beantworten. In den Engerser Bauakten von 1756 bis 1763 ist kein entsprechender Beleg zu finden. Die Ikonographie kann also nur immanent, aus dem Wesen der dargestellten Personen, erschlossen werden. Dabei zeigt sich, dass Joseph Ignatius Feill und seine höfischen Auftraggeber auf übliche Elemente der Ikonographie von Barockschlössern zurückgriffen, nämlich zum einen auf die vier damals bekannten Erdteile, zum andern auf die vier Jahreszeiten.
Vier Erdteile und vier Jahreszeiten
Acht Büsten stellen eindeutig Herrscherpaare dar, die für die damals bekannten vier Erdteile stehen. Die beiden Fürstenpaare aus Afrika und Amerika führen die Büstenreihe des östlichen Hofgitters vom Kavaliershaus an, die Herrscher aus Asien und Europa stehen schräg gegenüber vor dem westlichen Seitenflügel des Schlosses. Die Erkennungsmerkmale sind die folgenden:
1. Das afrikanische Herrscherpaar ist an den negroiden Gesichtszügen und am gekräuselten Haar zu erkennen.
2. Das amerikanische Paar soll offensichtlich ein Fürstenpaar der Inka darstellen. Darauf deuten die indigenen Gesichtszüge des Mannes und sein besonderer Federschmuck hin.
3. Der asiatische Herrscher wird als einziger zwischen zwei Frauen gezeigt – eine Anspielung auf die Nebenfrauen der Osmanen im Serail. Alle drei tragen Turban, der Mann einen auffälligen, türkischen Schnurrbart.
4. Der europäische Herrscher trägt einen Federhut und eine Halskrause, angelehnt an den Stil des 17. Jahrhunderts. Ihm steht eine junge Frau im leichten Sommergewand mit Blumen im Haar zur Seite.
Zwei weitere Vierergruppen von Büsten könnten die Vier Jahreszeiten und die Vier Temperamente darstellen:
1. Vor dem rechten Seitenflügel des Schlosses standen fünf Büsten, von denen vier als Paare angeordnet waren, jeweils eine junge Frau und ein alter Mann mit Bart. Die erste junge Frau trägt Blumen im Haar, die zweite, heute verschollene Büste zeigte eine junge Frau mit Sommerhut und Ären von gemähtem Getreide auf dem Busen. Dabei kann es sich nur um Allegorien des Frühlings und des Sommers handeln. Die beiden Jahreszeiten Herbst und Winter wären dann (entsprechend der ikonographischen Tradition in Italien) als Männer dargestellt worden, wobei die Wintermütze des Mannes ganz rechts auf den Winter hinweist. Die fünfte Büste gehört nicht in die Reihe, sondern korrespondiert als chinesischer Gelehrter (Konfuzius?) zum Kontinent Asien auf der westlichen Seite.
2. Schräg gegenüber direkt am westlichen Kavaliershaus standen vier Büsten mit auffälligem Gesichtsausdruck, wieder jeweils Mann und Frau im Wechsel: eine Nymphe mit gesenktem Kopf und nachdenklichem Minenspiel, ein Mann mit Pilgergewand und Pilgerhut mit auffällig fröhlichem Gesichtsausdruck, eine Nymphe mit Umhang und seitlich geneigtem Kopf sowie ein Asiate mit Glatze und Pferdeschwanz, der den Mund auffällig aufreißt. Dabei könnte es sich um die vier Temperamente handeln: die Melancholie, dargestellt von einer in Gedanken versunkenen Frau, einen Sanguiniker, eine Phlegmatikerin und einen Choleriker.
Die restlichen drei Büsten auf jeder Seite vermitteln zwischen der fünfteiligen Büstengruppe südlich (zum Schloss hin) und der vierteiligen Büstengruppe vor dem Kavaliershaus. Dabei stehen die beiden Männer mit Mütze und grotesken Zügen, die man als Hofnarren deuten könnte, einander gegenüber und bilden so gleichsam die Mittelachse des Hofes. Oberhalb von ihnen folgt jeweils ein Paar.
1. Auf der westlichen Seite handelt es sich um zwei europäische Höflinge: einen jungen Mann mit Federhut und Halskrause im Stil des 17. Jahrhunderts und eine vornehme Hofdame mit Halsband und einem Blumendiadem.
2. Östlich sieht man eine Nymphe mit einer antikisch über den Kopf gezogenen Toga und einen lächelnden Satyr, offensichtlich ein Paar aus der römischen Antike.
Der Reichtum an „Inventio“, den Feill in diesem Zyklus an den Tag legte, lässt sich in diesem knappen Überblick nicht darstellen. Manche der männlichen und weiblichen Figuren sind einander in galanter Manier zugewandt, andere blicken in eine Richtung zum Schloss. Das Minenspiel ist ebenso expressiv wie die individuelle Wendung von Schultern und Hals, jeweils noch verstärkt durch die sorgfältig variierten Sockel. Jede Büste ist anders, selbst die beiden einander so ähnlichen „Hofnarren“ zeigen eine gänzlich andere Kopfneigung und Mimik. Auch die Gewänder und die Kopfbedeckungen, der Schmuck und die Haartracht offenbaren einen Einfallsreichtum, der im Umfeld der Rokokobüste in Deutschland einmalig sein dürfte.
Der Umstand, dass sich der berühmte fränkische Rokoko-Bildhauer Ferdinand Tietz durch Feills Engerser Zyklus zu etlichen seiner ab 1765 geschaffenen Parkskulpturen für Schloss Veitshöchheim bei Würzburg inspirieren ließ, belegt den vorbildlichen Rang und die herausragende künstlerische Qualität der Engerser Büsten von Feill.