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Der junge Glinka, wie er als Tenor, Pianist und Komponist am Rhein westliche Musikluft schnupperte (Gemälde von Karl Bryullov, 1840).

Glinka am Rhein

Kapitel III der Villa Musica Musikgeschichte von Rheinland-Pfalz erinnert an einen russischen Romantiker, der anno 1830 singend durchs Rheintal zog: Michail Glinka. Am kommenden Wochenende spielen Dozenten und Stipendiaten aus Israel sein Trio pathétique.

Russische Touristen am Rhein

von Karl Böhmer

Als sich Russland noch nicht nationalistisch abschottete, sondern die Öffnung zum Westen als wesentliche Grundlage seiner Kultur betrachtete, machten sich zwei junge Tenöre auf gen Deutschland und Italien. Der eine hieß Michail Glinka und wurde später zum Vater der russischen Nationalmusik, der nur noch „russische Musik über russische Themen“ schreiben wollte. 1830 aber schlug sein Herz für Webers Freischütz und die großen Opern seiner Freunde Bellini und Donizetti. 

Freischütz am Rhein

Ende April 1830 brach Glinka zusammen mit dem Tenor Iwanow gen Westen auf. Wie sein Reisebegleiter war auch der Komponist ein ausgebildeter Tenor, zugleich als Schüler von John Field ein brillanter Pianist. Wo immer die beiden Russen auf ihrer Reise durch Deutschland ein Klavier antrafen, nutzten sie es, um bekannte Opernarien und Ensembles zum Besten zu geben, vorzugsweise aus deutschen Opern. Auf diese Weise kamen sogar Dorfbewohner entlang ihrer Reiseroute in den Genuss der schönsten Nummern aus dem Freischütz, wie Glinka in seinen Memoiren erzählte:

„Wir fuhren in einer gemieteten Kutsche nach Frankfurt am Main und hatten als Reisebegleiter einen Studenten (ich glaube einen Juden), der Bass sang. Wann immer wir anhielten, um zu essen oder zu übernachten, führten wir beliebte Opernauszüge auf, sofern wir ein Klavier auftreiben konnten. Wir zwei sangen Tenor und der Student den Bass. Der Chor und das Terzett aus dem ersten Akt des Freischütz gingen besonders gut, und die Dorfbewohner versammelten sich, um uns zuzuhören.“ 

Natürlich ließen sich die beiden Reisenden eine klassische Rheinfahrt von Mainz nach Koblenz nicht nehmen. Schon übten die Burgen am Mittelrhein ihren unwiderstehlichen Zauber auf Touristen aus aller Welt aus:

Von Frankfurt fuhren wir nach Mainz weiter und von dort mit dem Dampfschiff rheinabwärts. Bevor wir Koblenz erreichten, gingen wir von Bord.

Am Rheinufer schwelgten die beiden Russen singend in Rheinromantik. 

Sonnambula in Mailand

Ihre Begeisterung für die Oper setzte sich in Italien nahtlos fort. Natürlich wählten Glinka und sein Freund Mailand als ständigen Aufenthaltsort. Fast täglich besuchten sie dort die Opernaufführungen an der Scala und im Teatro Carcano.

Dort konnten sie Sonnambula, Norma und Anna Bolena in ihren Originalbesetzungen hören. Die edlen Stimmen von Rubini, Grisi und Pasta waren ihre tägliche Musikspeise, die Arien des Belcanto ihr Lebenselixier. Glinka fand Zugang zu den Mailänder Theaterzirkeln und zur reichen Familie Branca, die heute noch im Fernet Branca ihren Einfluss auf die italienische Industrie der Bibite ausübt. Er freundete sich schließlich mit Vincenzo Bellini an, dem großen, aus Catania stammenden Romantiker unter den Belcanto-Komponisten. 

Pathetisches Trio

Von dem Eindruck, den Bellinis Melodik auf ihn machte, zeugt das Trio pathétique, das Glinka 1832 in Mailand komponierte – das erste Klaviertrio der russischen Romantik, das so deutlich von der Belcanto-Oper wie kein späteres Werk von Glinka. Die Originalbesetzung mit Klarinette, Fagott und Klavier erklärt sich aus den Umständen der Entstehung. Nach einer Operation musste Glinka unangenehm riechende Heilpflaster auf der Brust tragen und war ans Bett gefesselt, was ihn in tiefe Verzweiflung stürzte. Zur Ablenkung schrieb er das d-Moll-Trio für sich und seine Bläserfreunde vom Scala-Orchester. In seinen Memoiren hat er die Szene so beschrieben:

Ich kämpfte immer noch mit meinem Elend und meiner Unpässlichkeit und schrieb ein Trio für Klavier, Klarinette und Fagott. Meine Künstlerfreunde vom Teatro della Scala, Tassistro auf der Klarinette und Cantù auf dem Fagott, begleiteten mich. Nach dem Schluss des Finales sagte der Letztere: ‚Das ist wahre Verzweiflung!‘ Und in der Tat war ich tief verzweifelt.

Glinkas Mitspieler gehörten zu den besten Bläsern Italiens: Pietro Tassistro war erster Klarinettist im Orchester der Mailänder Scala und daneben auch ein virtuoser Bratschist, der anspruchsvolle Duos für Violine und Viola komponiert hat. Antonio Cantù wurde 1831 zum Solofagottisten der Scala ernannt und blieb in dieser Position bis 1862. Zugleich bildete er als Fagottprofessor am Mailänder Konservatorium eine ganze Generation junger Fagottisten aus. Da jenseits von Mailand so virtuose Bläser schwer zu finden waren, gestattete Glinka alternative Besetzungen des Trios mit Streichern.

Erst 1878, 21 Jahre nach seinem Tod, wurde das Trio pathétique gedruckt. Der Verleger stellte dem Werk ein Zitat in französischer Sprache voran: „J‘ai connu l’amour que par les peines qu’il cause.“ („Ich habe die Liebe nur durch den Kummer gekannt, den sie bereitet.“) Ob dieses Motto authentisch ist und ob es auf eine unglückliche Liebesbeziehung Glinkas in Italien anspielt, ist unbekannt. Der pathetische Ausdruck des Werkes könnte diesen Schluss nahelegen. Formal ist es eines der originellsten Klaviertrios der Romantik: Alle vier Sätze gehen unmittelbar ineinander über. Ihre Formen bleiben fragmentarisch, weil sie durch den jeweils nachfolgenden Satz unterbrochen werden. Dies erklärt die knappe Spieldauer von 16 Minuten. Am Ende dieser wundervollen Viertelstunde nimmt das Trio eine dramatische Wendung: Larmoyante chromatische Läufe in Klarinette und Fagott treiben die Verzweiflung auf die Spitze, bevor das Trio knapp und barsch ausklingt. Auf einen Schluss von solcher Tragik waren die italienischen Mitspieler von Glinka offenbar nicht vorbereitet.

Nachruf aus Mainz

Als der Komponist nur 25 Jahre später, am 15. Februar 1857, in Berlin starb, veröffentlichte der Schott-Verlag in Mainz einen Nachruf in seiner Süddeutschen Musik-Zeitung. Dort hob der Autor die „schöne Sangbarkeit der Melodie“ bei Glinka hervor: „dabei durchweht sie jene Grundfärbung elegisch-schwermüthiger Klage, heissen Sehnens, gepresster und plötzlich auflodernder Leidenschaft, welche den russischen Volksliedern eigen und charakteristisch ist. Diese nationale Eigenthümlichkeit der Empfindung und ihres musikalischen Ausdrucks repräsentiert Glinka vollkommen.“ Das Trio patétique beweist, dass es für Glinkas Melancholie noch eine zweite Wurzel gab – den Belcanto Italiens.