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Freund und Vorbild des jungen Mozart: Josef Myslivecek, Komponist großer Seria-Opern und einer bewegenden Passion nach Metastasio (Foto: Wikipedia).

Passionsmusik in Mainz 1785

Sankt Gangolf, die Hofkirche der Mainzer Kurfürsten, stand dort, wo sich heute das Restaurant des Landtags erhebt, zwischen Deutschhaus und Schloss. In den 1780er Jahren war sie ein Ort für bewegende Passionsaufführungen.

Passionsmusik in Sankt Gangolf

Als sich die Mainzer 1815 endlich entschlossen, die alte, kriegsbeschädigte Hofkirche Sankt Gangolf zwischen Schloss, Kanzlei und Deutschhaus abzureißen, schufen sie Platz für den Durchbruch der Großen Bleiche zum Rhein, wie wir ihn heute noch kennen. Sie zerstörten damit aber einen wertvollen Ort der Mainzer Kirchen- und Musikgeschichte. In dieser gotischen Hallenkirche ließ der Mainzer Kurfürst Friedrich Carl Joseph von Erthal an den Samstagen der Fastenzeit Oratorien aufführen. 1785 gehörte dazu auch ein Werk von Josef Myslivecek, dem großen Böhmen und Mozartfreund, der schon 1781 verstorben war. Doch seine packende Musik war unvergessen. DIe Mainzer brachten seine Passione di Gesù Cristo zur Aufführung, das große Passionsoratorium nach den italienischen Worten des Wiener Hofdichters Metastasio.

Italienische Passion

Was den deutschen Protestanten im 18. Jahrhundert ihre Passionsmusiken waren und den Parisern das Stabat Mater von Pergolesi, das war für die Italiener die Passione von Metastasio: die ideale, zu frommer Andacht anregende Darstellung der Leidensgeschichte des Erlösers. Der geborene Römer Pietro Trapassi mit dem Pesudonym Metastasio schuf damit anno 1730 für den Wiener Kaiserhof das klassische italienische Passionsoratorium, das sich in immer neuen Vertonungen bis zum Ende des Jahrhunderts über ganz Europa ausbreitete. Paisiello schrieb seine Version 1783 für Warschau, Jommelli seine berühmte Vertonung 1749 für Wien. Der Koblenzer Hofkapellmeister Pompeo Sales kleidete den ehrwürdigen Text ebenso in Musik wie der Mainzer Hofkapellmeister Schmidt. In diese Reihe gehört auch die Fassung des Böhmen Josef Myslivecek, die 1773 für Florenz entstand. In all diesen Versionen beginnt das Geschehen mit der Reue des Petrus, der seine Verleugnung Jesu kaum fassen kann. Zerknirscht und ängstlich erwartet er die Neuigkeiten seiner Freunde. Maria Magdalena kann das Unsägliche der Hinrichtung Jesu kaum in Worte fassen. Der Apostel Johannes und der Jünger Joseph von Arimathia schildern das grausame Geschehen in drastischen Worten und Tönen. Im zweiten Teil aber finden die vier Glaubenszeugen den Sinn des Kreuzestodes in der Heiligen Schrift. So könnte man, knapp zusammengefasst, die Handlung dieses dramatischen Oratoriums schildern, das mit wenigen Chören auskommt, dafür umso größere Arien und packende Rezitativ-Dialoge enthält.

Myslivecek in Florenz

Mit seiner Florentiner Vertonung von 1773 schuf Myslivecek ein Repertoirestück, das über mehrere Stationen seinen Weg schließlich nach Mainz fand. In Florenz, am Hof des Großherzogs Leopold von Toskana, hatte der Böhme besonders viele Verehrer seiner Kunst, mehr noch als in Neapel, Venedig oder Mailand. Der Müllersohn aus Prag, den eine unwiderstehliche Leidenschaft nach Italien und zur Oper hinzog, hatte im Süden sein Glück gemacht. Als einzigem Tramontano war es ihm gelungen, mit seinen Seria-Opern und italienischen Oratorien dauerhaft in Italien Fuß zu fassen. Alle seine erfolgreichen Vorläufer und Kollegen waren trotz großer Erfolge zurückgekehrt: der Böhme Gluck, der Leipziger Johann Christian Bach, der Dresdner Joseph Schuster und viele andere. Myslivecek aber blieb und drückte der Opera seria in Italien zwischen 1765 und 1780 seinen Stempel auf. Viele seiner schönsten Arien wird man von Mozart kaum unterscheiden können, so sehr hat der junge Salzburger die Musik des Böhmen bewundert und verinnerlicht. Das Einzige, was die Italiener an Myslivecek nicht mochten, war sein Name. In unzähligen verbrämten Varianten findet man ihn in jenen italienischen Zeitungsartikeln, in denen die Musik des Komponisten in höchsten Tönen gepriesen wird. Il Boemo, der Böhme lautete deshalb der kurze, knappe Rufname des Komponisten in Italien.

Passion im aufgeklärten Florenz 1773

Nicht alle Teile von Mysliveceks Passione entsprechen unseren an Bach geschulten Erwartungen an eine Passionsmusik. In Moll stehen nur die düstere Orchestereinleitung, die aufgewühlte Arie der Maria Magdalena „Potea quel pianto“ und die erschütterte Betrachtung der Größe Gottes durch den Evangelisten Johannes: „Dovunque il guardo giro, immenso Dio ti vedo“. Alle drei Teile sind in den Hörbeispielen unten enthalten, um das dramatische Genie Mysliveceks zu zeigen. Der Orchestersatz ist durchweg sinfonisch aufgewühlt, wie in manchen Salzburger Sinfonien von Mozart, doch in den meisten Arien legt sich das Figurenwerk des galanten Stils darüber, Cantabile und Bravura. Im aufgeklärten Florenz des Granduca Pietro Leopoldo sollte selbst die Passion in milden Pastellfarben gemalt werden. Auf die Requisiten der Opera seria wollte man dabei nicht verzichten, denn die Sänger-Besetzung war exquisit: Ausgerechnet Petrus wurde von dem Soprankastraten Tommaso Guarducci gesungen, einem Stimmkünstler ersten Ranges. Er ließ die Tränenfluten der Reue in langen Koloraturen fließen. Maria Magdalena wurde von der jungen Florentinerin Lisabetta Melani verkörpert, mit bürgerlichem Namen Kaubin Salviati. Man sagte ihr nach, mehr wegen ihres schönen Gesichts als wegen ihrer Stimme die Gunst des Großherzogs erlangt zu haben, doch mit ihren Koloraturen auf das Wort „risuonar“ in ihrer ersten Arie konnte sie selbst ihre Gegner überzeugen. Bereits drei Jahre später sollte die hoch begabte Sängerin unter tragischen Umständen sterben. Der Tenor Gherardi als Joseph von Arimathia und der Altkastrat Niccolini als Apostel Johannes komplettierten das Quartett, das von der Gazzetta Toscana einhellig gelobt wurde:

Florenz, 27. März 1773: Am Mittwoch ließ man im Saal der Porta Rossa ein Oratorium für vier Singstimmen hören, mit Chören, genannt die Passion unseres Herrn, wo die ausgezeichnete Musik von Mislivech [sic] von Guarducci, Melani, Gherardi und dem Cherubini-Schüler Niccolini dermaßen vollendet vorgetragen wurde, dass alle durchgängigen Applaus ernteten.

Man sieht: In Florenz wurde selbst bei der Passion geklatscht. Der Erfolg war so groß, dass Mysliveceks Passion am 6. April, dem Dienstag der Karwoche, wiederholt wurde. Im Folgejahr erklang sie wieder, 1777 dann in Bologna und Mitte der 1780er Jahre in Mainz.

Mysliveceks Passione in Mainz

Wann genau die Mainzer Aufführung stattfand, ist nicht belegt. Das gedruckte Mainzer Libretto in italienischer und deutscher Sprache trägt kein Datum. Der Forscher Erich Staab fand aber in den Briefen des Wallersteiner Kapellmeisters Ignaz Beecke einen Hinweis auf eine Oratorienserie an den Samstagen der Fastenzeit 1785, deren vorletztes Werk von Myslivecek stammte. Es könnte die Passione gewesen sein. Vielleicht gehörte dazu auch eine Partiturabschrift aus Wien, die sich in Frankfurt erhalten hat. Mehr ist über die Mainzer Aufführung nicht bekannt, auch nicht die Namen der Sänger. Als aber Christoph Spering das Werk 2005 auf CD einspielte, wurde der Giuseppe vom Mainzer Tenor Andreas Karasiak gesungen. So schloss sich wieder der Kreis zur verlorenen Hofkirche Sankt Gangolf und den musikalischen Schätzen, die dort einst erklungen sind.

Zum Hören:

Myslivecek, La Passione di Gesù Cristo (Florenz 1773, Mainz 1785?)

Introduzione (Largo assai), Das Neue Orchester, Leitung: Christoph Schering

https://www.youtube.com/watch?v=UJgLQw6TDro

Aria der Maddalena „Potea quel pianto“, Sophie Kartäuser, Sopran

https://www.youtube.com/watch?v=D8-CTu3m9Kk

Arie des Giovanni, „Dovunque il guardo giro, immenso Dio ti vedo“, Yvonne Berg, Alt

https://www.youtube.com/watch?v=8QxIMGRBjvc

Arie des Giuseppe, „All’idea dei tuoi perigli“, Andreas Karasiak, Tenor

https://www.youtube.com/watch?v=oYhj6LYw9dw

Eine Auswahl aus den galanten Arien der Passion:

https://www.youtube.com/watch?v=Mqj2krbNbIQ