Oberlinger in Bingen
Restlos glücklich: das Publikum beim Konzert von Dorothee Oberlinger mit Ensemble 1700 und Sopranistin Núria Rial im Hildegardzentrum Bingen.
LA FOLLIA in Bingen
Dorothee Oberlinger und Núria Rial
Sonntag, 2.8., 18 Uhr – Bingen, Kirche im Hildegardzentrum
Es war ein Festivalabend aus dem Bilderbuch: ausverkauft, schönstes Wetter und alle da, die Alte Musik lieben – besonders, wenn sie von Dorothee Oberlinger zum prallen Leben erweckt wird. Was die Flötistin aus Köln und Ehrenbürgerin der Stadt Simmern ihren diversen Flöten an brillanten Tönen entlockt, ist angesichts ihrer vielen Funktionen in der Festival- und Opernlandschaft Deutschlands kaum zu glauben und ein Phänomen. Bravissima! Phänomenal ist auch, wie sie das Publikum in die Musik des 17. Jahrhunderts hineinlockt: Mit Falconieris Follia beginnend, spannten Dorothee Oberlinger und ihr Ensemble einen großen Bogen über diverse Ostinato-Bässe des Frühbarock – die Passacaglia, Ciaccona und Romanesca. Lautenist Axel Wolf sorgte für die kunstvollen Überleitungen zwischen den Stücken. Immer tiefer wurde die Alte Musik-Gemeinde in den Sog der „Grounds“ hineingezogen, bis die Leiterin in den bizarren Ciaccona-Variationen von Nicola Matteis ein Staccato-Feuerwerk entfachte. Danach entlud sich der Applaus mit Urgewalt. Die spanische Sopranistin Núria Rial sang auf ihre geradlinig schöne, schlackenlose Art eine halbe Cantata von Barbara Strozzi (das Lamento „Che si può fare?" im Cavalli-Stil) und eine ganze Cantata von Händel („Mi palpita il cor“). Zufrieden wallte das Publikum hinaus in einen zauberhaften Sommerabend.
Nach der Pause war das 18. Jahrhundert an der Reihe: der Spanier Asís Márquez am Cembalo furios im Fandango von Soler, Hille Perl an der Gambe meisterlich in Marais' Folies d'Espagne, Oberlinger und der junge Koblenzer Geiger Jonas Zschenderlein atemberaubend im Tonrausch von Vivaldis Follia. Núria Rial durfte in der schönsten Flötenarie von Vivaldi glänzen (aus dem Orlando von 1727), in einer schmissigen Zarzuela-Nummer aus ihrer Heimat und in einer vogelgleich zwitschernden Zugabe. Die Adonis-Arie „Più non m’alletta e piace“ aus dem Giardino d'amore von Alessandro Scarlatti fasste das Konzert auf schönste Weise zusammen: Flöte und Sopran im prickelnden Dialog mit der Geige als Ripieno und einer souveränen Continuo-Gruppe. Da soll nur einer sagen, RheinVokal sei nicht auch ein fantastisches Alte Musik-Festival!
SWR Kultur hat das Konzert mitgeschnitten und wird es am 26.8. ab 20:03 im ARD Radiofestival senden. Auch ein TV-Team des SWR war anwesend, um Dorothee Oberlinger zu interviewen. Das Programm selbst war ein Villa Musica-Beitrag zum Festival.