News

The Gesualdo Six, hier in fünfstimmiger Besetzung, im majestätischen Kirchenraum von Liebfrauen in Oberwesel (Foto: Oliver Kupilas).

Festivalfinale

Glanzvolles Festivalfinale von RheinVokal 2026: eine Stunde höchste A-Cappella-Kunst in der wunderschönen Liebfrauenkirche in Oberwesel, am Ende Standing Ovation für The Gesualdo Six aus London.

England um 1600, für Deutsche anno 2026 zum Blühen gebracht

von Karl Böhmer

Wem wären bei diesem Vokalsatz nicht die Tränen gekommen? „When David heard" von Thomas Weelkes war in der atemberaubenden Ausformung durch The Gesualdo Six der Höhepunkt im Schlusskonzert von RheinVokal 2026 in Oberwesel. Das Männerstimmensextett aus London, das alleine auf Intragram mehr als 214.000 Follower verzeichnet, krönte mit der Klage des Königs David über seinen erschlagenen Sohn Absalom sein umjubeltes Gastspiel am Rhein. Eine Stunde lang nahmen die Sänger aus London ihr deutsches Publikum mit auf eine Reise ins England der späten Queen Elizabeth und ihres Nachfolgers James I. Was sie in den Madrigalen eines Orlando Gibbons, in berühmten Dowland-Liedern und weit weniger berühmten Motetten von Byrd bis Morley an sprechender Beweglichkeit, kontrollierter Leidenschaft, klanglicher Rundung und dynamischer Bandbreite entfalteten, war schlicht und ergreifend „breathtaking“. Dem Land der „Elizabethan Melancholy" so aus dem tiefsten Grund des Herzens zu singen, vermögen nur Engländer – und vielleicht auch nur diese sechs Briten.

Sechs Stimmen vor dem Goldgrund der LIebfrauenkirche

Vor dem wunderschönen gotischen Lettner der Liebfrauenkirche, mit dem Goldaltar im Hintergrund konnten sich die sechs Stimmen atmosphärisch wie akustisch perfekt entfalten. Bassist und Ensemble-Leiter Owain Park hat seine Mannen fest im Griff – als zukünftiger Chefdirigent der BBC Singers und vielgefragter Komponist ein klassischer „Leader“. Zu seinem kernigen Bass fügt sich der samtige Bariton von Simon Grant ganz vorzüglich. In der Mitte sorgen die beiden Tenöre für perfekt zeichnende Mittelstimmen: Joseph Wicks mit Brille und Bart geht ganz in der Musik auf und formt sie gestisch nach. Josh Cooter steht fast unbeweglich wie ein Fels in der Brandung der Polyphonie. Ebenso unterschiedlich im Charakter, aber deckungsgleich im Klang die beiden Countertenöre: Alasdair Austin lässt mit jungenhaft schlankem, hellem Mezzosopran aufhorchen, auch im Dowland-Lied „In darkness let me dwell“. Guy James krönt den sechsstimmigen Satz mit gold leuchtenden Diskanttönen und singt Dowlands Lachrimae-Pavane „Flow my tears“ zum Niederknien schön. Die 250 Zuhörerinnen und Zuhörer in der ausverkauften Liebfrauenkirche hielten eine Stunde lang den Atem an und brachen danach in lauten Jubel aus. Bei RheinVokal haben The Gesualdo Six ein dankbares Publikum gefunden – nicht so zahlreich wie demnächst bei den BBC Proms in der Royal Albert Hall, aber mindestens so enthusiastisch.

Festivalfinale RheinVokal 2026

Mit diesen Tönen ging das Festival 2026 nach 18 Konzerten in 11 Spielorten festlich zu Ende. Es war mit nahezu 3.500 Zuhörerinnen und Zuhörern noch besser besucht als im letzten Jahr und reich an Höhepunkten. Einige davon waren schon im ARD Radiofestival zu hören, andere werden demnächst im Radioprogramm SWR Kultur gesendet und stehen dann in der SWR Mediathek zum Nachhören bereit. Was das Konzert in Oberwesel betrifft, gehörte es zur Villa Musica-Hälfte des Festivals, verantwortet von dem Autor dieser Zeilen, wurde aber von SWR Kultur mitgeschnitten. Die Fans können den wunderschönen Nachmittag also noch einmal in Ruhe nachhören – mit den sechs Sängern aus London vor dem geistigen Auge.

RheinVokal-FInale 2026 mit The Gesualdo Six aus London

Sonntag, 30.8., 17 Uhr – Oberwesel, Liebfrauenkirche

William Byrd: Ave verum corpus (1605), O Lord, make thy servant Elizabeth
Orlando Gibbons: O Lord, in thy wrath (one surviving source, first published in 1873 – written around 1600)
Thomas Morley: Nolo mortem (1616), Leave, alas, this tormenting (First book of ballets, 1595)
Thomas Weelkes: Death hath deprived me (auf den Tod von Thomas Morley, 1608)
John Bennet: I languish to complain me (Madrigals for Four Voices, 1599), Weep, O mine eyes (Madrigals for Four Voices, 1599)
John Dowland: Flow my tears (The Second Booke of Songes or Ayres, 1600), In darkness let me dwell (published 1610)
Orlando Gibbons How art thou thralled (The First Set of Madrigals and Mottets, 1612), Farewell all joys (The First Set of Madrigals and Mottets, 1612) Thomas Weelkes When David heard (composed around 1612), Hosanna to the Son of David (composed around 1608)