Kammermusik hautnah erleben
Die erste Saison des neuen Musikvermittlungsprojekts der Villa Musica zeigt Schülerinnen und Schülern in ganz Rheinland-Pfalz, wie begeisternd Kammermusik sein kann
Junge Menschen ganz unmittelbar an klassische Musik und das Berufsbild der Musiker heranführen – so lautet die Idee hinter dem neuen Projekt der Landesstiftung Villa Musica Rheinland-Pfalz, das sich an Schulen in ganz Rheinland-Pfalz richtet.
In seiner ersten Saison konnte das neue Musikvermittlungsprojekt eindrucksvoll zeigen, wie lebendig, nahbar und begeisternd Kammermusik für junge Menschen sein kann. Gemeinsam mit dem Aris Quartett, einem der führenden Streichquartette seiner Generation und ehemaligem Stipendiaten-Ensemble der Villa Musica, wird an einem Schulvormittag erfahrbar, was Kammermusik eigentlich bedeutet – und warum ihre Botschaften in vielerlei Hinsicht topaktuell sind.
Bereits mehrere Schulen im Bundesland durften sich über einen Besuch des Aris Quartetts freuen. Mit Neugier und Offenheit begegneten die Schülerinnen und Schüler den vier Musikerinnen und Musikern, die nicht nur spielten, sondern ihre Berufung im direkten Austausch erklärten. Ausgehend von der Frage, was ein Streichquartett eigentlich ausmacht, wurde schnell klar, wie anschaulich sich diese Besetzung vermitteln lässt: Die erste und zweite Geige übernehmen Rollen, die mit Sopran und Alt im Chor vergleichbar sind, Viola und Cello bilden als Tenor und Bass das klangliche Fundament. Gerade diese enorme Spannweite macht das Streichquartett zu einer der vielseitigsten Formen der Kammermusik.
Die Jugendlichen hörten nicht nur zu, sondern wurden aktiv in das musikalische Geschehen einbezogen. Gemeinsam wurde darüber gesprochen, wie sich Begriffe wie „wild“, „laut“ oder „dissonant“ in Musik ausdrücken lassen: durch dichte Stimmverteilung, rasche Bewegungen, dynamische Kontraste und ungewohnte Klangfarben. Besonders eindrücklich war die Begegnung mit einem Werk von Dmitri Schostakowitsch, geschrieben 1946 unter dem Eindruck des Endes des Zweiten Weltkriegs. Das Hörerlebnis zeigte, wie präzise Musik historische Erfahrungen und Emotionen transportieren kann.
Ebenso spannend waren die Einblicke in die Entstehung von Musik. Die Frage, woher Komponisten ihre Ideen nehmen, führte zu Gesprächen über Inspirationen aus Liebe, Natur, Alltagserlebnissen oder persönlichen Gefühlen. Auch die Arbeit des Komponisten selbst wurde greifbar: Wie hält man musikalische Einfälle fest? Wie wird aus einer Idee ein notiertes Werk? Die Schülerinnen und Schüler spürten, dass Musik kein abstraktes Kunstprodukt ist, sondern ein lebendiger kreativer Prozess.
Besonders spannend wurden die Vormittage auch durch die persönlichen Erzählungen des Aris Quartetts. Seit 17 Jahren spielen die vier Musikerinnen und Musiker zusammen – „teilweise unser halbes Leben“, wie sie selbst sagen. Dass das Ensemble ursprünglich für ein Projekt zusammengestellt wurde und anfangs eher schüchtern und chaotisch begann, macht die Musikerinnen und Musiker umso nahbarer. Heute sind sie nicht nur Kollegen, sondern enge Freunde, die mit rund 70 Konzerten im Jahr weltweit unterwegs sind – von den USA über Australien bis nach Island und Afrika.
Die Schülerinnen und Schüler interessierten sich dabei nicht nur für die Musik, sondern auch für den Alltag als Berufsmusiker: Wie viel muss man üben? Wie wird man Profi? Was verdient ein Ensemble? Wie organisiert man internationale Reisen – und warum braucht ein Cello im Flugzeug einen eigenen Sitzplatz? Dass hinter einem Quartett nicht nur musikalische Hingabe, sondern auch organisatorisches Geschick steckt, wurde anschaulich vermittelt.
Das Projekt hat damit bereits in seinem ersten Jahr sein Ziel in besonderer Weise erreicht: Kammermusik wurde nicht nur erklärt, sondern unmittelbar erfahrbar gemacht. Jungen Menschen wurde ein lebendiger Zugang zur klassischen Musik eröffnet – und vielleicht bei manchen sogar den Wunsch geweckt oder gestärkt, selbst ein Instrument zu erlernen oder Musik zum Beruf zu machen.